ABHAUEN

19.10.12


Irgendwann mitte Oberstufe - der wunderbar  moderne Glas- und Betonklotz (auch Schulgebäude) hatte schon eine ordentliche Weile mitgeholfen auf mein Teenagergemüt zu drücken - verspürte ich diese Sehnsucht nach Ferne.
Ich wollte gehen, alles hinter mir lassen.
Einen Koffer packen und die immer selben Berge, beinahe klinisch sauberen Strassen und ordentlichen Vorgärten mit Geranientöpfen sich selbst überlassen.

Nur leider ging das nicht.
Ich war ja zu jung.
Und ich war ja so pflichtbewusst (jawohl!) und musste natürlich erst den Abschluss machen.
Danach ging es dann auch wieder nicht.
Ich war ja noch immer so unglaublich (jawohl, ganz richtig!) pflichtbewusst und hängte noch 4 Jahre Gymnasium an die, ohnehin schon viel zu lange dauernde, obligatorische Schulzeit an.
Da muss man durch, wenn man sich, wie ich, schon seit dem sechsten Lebensjahr auf die Universität gefreut hat...

Item.
Ich konnte also nicht einfach so mir nichts, dir nichts ins Blaue fahren und einfach mal ein paar Wochen verschwinden.
Und aus genau diesem Grund bin ich jetzt hier.

Ich bin abgehauen.
Natürlich nach meinem Gymnasiumabschluss, versteht sich.
Wohin?
Nach Cambridge. Vereinigtes Königreich. Europa.
Und ja, genau darauf will ich hinaus.

Als ich nämlich von Koffer packen und Sehnsucht nach Ferne gesprochen habe, da habt ihr alle an Amerika oder was noch viel exotischeres gedacht, nicht wahr?
Erwischt!
Und jetzt fragt ihr euch bestimmt, warum ich stattdessen in Europa geblieben bin. Warum ich mich für England entschieden habe, wo ich doch einen Tapetenwechsel so sehr nötig hatte.
Ja, es ist wahr: Ich gehe auch hier zur Schule, auch hier sind die Strassen (mit Ausnahme einiger sterblicher Überreste) sauber, auch hier ist das Klima nicht im geringsten als subtropisch zu bezeichnen und hier gibt es nicht nur ordentliche Vorgärten, sondern ordentliche Grünflächen!

Kein ordentlicher Tapetenwechsel, also?

Eigentlich ist eure Frage ganz einfach zu beantworten (genau, viel einfacher als jene im vorhergehenden Blogpost!): Weil ich nach England wollte.
Ich wollte nicht nach Amerika, weil da jeder hingeht, mal im Ernst.  Ausserdem habe ich die Neue Welt nie mit viel mehr als Grossstädten, Simpsons, Disney, Highschool Partys, 1980er Jahre und McDonald's zum Frühstück assoziiert. 
Vorurteile halt.
Ich könnte genauso gut sagen, dass mich dieser Kontinent einfach nicht interessiert.
Und das selbe gilt für Australien.
Wäre beides sehr angenehm für einen längeren Ferienaufenthalt. Da stimme ich euch allen zu.
Aber die Vorstellung, dass ich dort für ein paar Monate ein mehrheitlich geregeltes Leben führen sollte, wollte einfach nicht in meinen Kopf gehen.
Da wäre noch Neuseeland gewesen oder vielleicht Malta oder sonst irgendwas südlich von Italien um sich die Englische Sprache anzueignen.
Aber da ich nun mal auf Regen, Geschichte, Literatur, Tee, noch mehr Regen und Sherlock Holmes stehe, habe ich mich für die konstitutionell-parlamentarische Monarchie im Norden entschieden.

Und wenn man dann schon ein paar Wochen hier verbracht hat, so wie ich jetzt, dann weiss man auch, dass auch dieses Land unter "Ferne" geht. Denn, obwohl es in Europa liegt und obendrein noch brav EU-Mitglied spielt, ist es doch ganz anders.
Differenzen - es gibt sie. 

Und ich werde euch davon erzählen.
Nein, nicht jetzt.

Aber früh genug.

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