VERSPEISEN

16.11.12



Ein jeder Zentraleuropäer, der einen längeren Aufenthalt auf der Insel plant, sollte davon ausgehen, dass er es mit dem einen oder anderen Kulturschock zu tun bekommen wird. 
Trotz EU und Globalisierung gibt es sie - die seltsamen kleinen Details, die so furchtbar anders sind und einen total aus der Bahn zu werfen vermögen. 
Glaubt mir.
Nun, ich habe euch meine Beobachtungen schon in einem vorhergehenden Post zusammengefasst, aber ich möchte nun doch auf einen speziellen Punkt besonders eingehen. Es handelt sich dabei ausserdem um ein weitverbreitetes Vorurteil:
England hat keine Esskultur.
Dieses Vorurteil ist meiner persönlichen Meinung nach in der Tat extrem schwer zu widerlegen. Ich habe es wirklich, mit all meiner Einbildungskraft, versucht. 
Ja, glaubt mir ruhig auch das. 
Wer noch nie hier war soll einfach einen Flug buchen und sich das ganze mit eigenen Augen ansehen (Ich glaube ja auch nur was ich selber schon gesehen habe...) oder aber belehrt mich eines besseren, falls ihr hier wart und gegenteiliger Meinung seit. Ich bin sehr erpicht darauf zu erfahren, was ihr für englische Esskultur haltet. 

Jedenfalls habe ich (und ich weiss hierbei tatsächlich, dass ich für mich spreche und natürlich nicht die Meinung von anderen wiedergebe...) betreffend Nahrungsaufnahme in England bisher folgende Feststellung gemacht:
Option 1: Weigere dich zu Essen und stirb. 
Option 2: Iss und stirb langsam. 

Unerfreulicher Weise habe ich noch keine dritte, positivere Erfahrung machen können und daher werdet ihr wohl verstehen, warum ich hierbei von einem Dilemma spreche. 
Um das ganze genauer zu erläutern:
Begonnen hat alles in London. Als ich eine Woche in London verbracht habe, ist mir schon aufgefallen, dass es an jeder Ecke Chinesisches, Indisches, Japanisches, Italienisches und - fügt an dieser Stelle ein Land eurer Wahl ein - Essen gibt, es jedoch extrem schwer ist irgendwo richtig traditionell zubereitete Fish and Chip's zu finden. 
Ich will damit nicht sagen, dass das Essen, welches aus den Küchen anderer Länder stammt nicht in Ordnung ist. Was ich sagen will ist, dass ich festgestellt habe, dass es keine wirklich "englischen" Restaurants gibt. Klar, man kann in ein Pub gehen. Aber dort wird man einen Hamburger bestellen können. Oder eine Lasange. Und nein, die Lasange ist kein Witz.
Wie "englisch" ist das denn?
Da London sowieso als international und multikulti gilt, habe ich meine Hoffnung nicht aufgegeben und in Cambridge nach "englischem" Essen gesucht. 
Feststellung: Auch hier überall Chinesen, Japaner, Italiener, sogar ein paar Franzosen und Amerikaner. Und Pubs in denen man bestellen kann, was man will, zum Beispiel Lasange mit Pommes.

Alle Hoffnung habe ich dann auf meine Gastfamilie gesetzt.
Aber leider wurde ich auch da eher enttäuscht. Als ich meinen Gastvater nämlich fragte, was denn traditionell englisches Essen wäre, antwortete er mir: "Die Leute auf dem Land essen Sonntags ein Stück Rindfleisch mit Kartoffeln, manchmal Karotten, meistens Bohnen und etwas Brot. 
Äh, ja... das hätte mir auch mein Grossvater erzählen können und er ist definitiv kein Inselbewohner. 
Eigentlich kann also gar nicht von einem Kulturschock sprechen, denn was als "englisch" gilt,
ist in in der Tat dem Essen zu Hause sehr ähnlich. 

Der Schock blieb trotz aller Verwandtschaft nicht aus. 
Und es lag nicht daran, dass ich die einzelnen Zutaten einer Mahlzeit hier nicht kennen würde,
sondern fast ausschliesslich an ihrer ungewöhnlichen Kombination.
Habt ihr jemals Pizza mit Kartoffeln als Beilage gegessen?
Habt ihr jemals irgendwo eine Lasagne mit Pommes als Beilage bestellt?
Könnt ihr in eurem Supermarkt auch Spagehtti in der Dose kaufen?
Und haltet ihr Toast auch für Brot? Ich meine, ist Toast für euch auch ein Synonym für Brot?
Jawohl, so läuft das hier. 
Ach, und vergesst nicht, dass das ganze möglichst mit chemischen Zusätzen gespickt sein sollte, und es muss unbedingt (!!!) low fat drauf stehen, sonst könntet ihr ja aus versehen echten Zucker essen!
Hilfe!
Was das Essen auf der Insel betrifft, so könnte ich wirklich noch stundenlang aufzählen, was ich nicht mag. Die Liste ist wirklich schier endlos und jede Mahlzeit ist ein Kampf, weil ich versuche mir einzubilden, dass ich etwas esse, das ich tatsächlich mag. 
Aber wir wollten ja jetzt hier nicht völlig depressiv werden und tatsächlich anfangen darüber nachzudenken das Essen völlig aufzugeben, sprich Option 1 in Betracht zu ziehen, also werde ich euch einfach auch noch erzählen, was mir besonders gefällt:

Es gibt nämlich einen Aspekt der "englischen Esskultur", den ich besonders mag und dem ich gerne fröne. Wer hätte das auch gedacht? Ja, genau: Afternoon Tea.
Es ist wirklich unglaublich toll, dass man sich hier öfters (manche Leute machen das wirklich jeden Tag!) gegen drei Uhr Nachmittags hinsetzt, ein paar Tassen Earl Grey schlürft und dazu Scones oder Sandwiches isst. Ich bevorzuge die Scones mit Erdbeermarmelade und Butter, manche Leute stehen total auf die Gurkensandwiches. Geschmäcker sind ja bekanntlich verschieden.
Jedenfalls liebe ich den Nachmittagstee und geniesse das immer total.

Und vielleicht könnte ich mich sogar irgendwann dazu durchringen den Nachmittagstee als Bestandteil der englischen Esskultur anzugeben.
Aber dazu muss ich erstmal das Wort Kultur in diesem Zusammenhang akzeptieren. 
Wir werden sehen ob ich das bis Dezember noch schaffe.
Die Chancen stehen leider eher schlecht.

Aber der Tee ist wirklich herrlich.
Und die Scones empfehle ich jedem Festlandbewohner! 

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2 Kommentare

  1. haette ich nicht gedacht, dass das vorurteil wahr ist. und komische kombinationen wie von dir beschrieben kenne ich sonst eher aus japan (zB pizza mit mayo).

    und ich finde hier in deutschland kann man auch eher schwierig deutsches essen bekommen. zwischen kneipe und pommesbude gibt es zumindestens fuer meine preisklasse irgendwie nix

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    1. Meiner Meinung nach leider schon... Meine neuste Entdeckung ist übrigens die Tatsache, dass ein "Steak" hier nicht das saftige Stück Fleisch ist, welches wir uns auf dem Kontinent zumeist gewohnt sind, sondern ein ca Faustgrosses, wenn's gut kommt Offene-Handgrosse, zähes Stück Rind, dass die ähnliche Dicke wie ein gut geklopftes Wienerschnitzel hat... Diese Erfahrung habe ich bisher in 2 Londoner Lokalen und einem Restaurant in Cambridge gemacht.

      Was Deutschland angeht, so habe ich bisher nur in Berlin Erfahrungen gemacht, aber dort gab es doch die eine oder andere Kneipe wo man deftiges "deutsches" Essen serviert bekam ;D Jedenfalls konnte ich mich da nicht extrem beschweren, aber Berlin ist ja auch nicht das ganze Land.

      Was meine Heimat angeht, so findet man auch dort jede Menge Fastfood-Buden, aber jede Stadt hat sicher mindestens ein Lokal wo sich auch ein Student eine "anständige" Mahlzeit (sprich inklusive Gemüse im Hauptgang) leisten kann. Da wurde ich in England leider noch nicht fündig... müsste ev auch länger bleiben ;)

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