ZUWINKEN

28.11.12



Ich, die ich eine selbstzufriedene, gewissenhafte (darüber kann man sich gerne streiten) Alpenländchenbewohnerin bin, kann mich ja wirklich überhaupt nicht mit dem Wort Monarchie indentifizieren. Wahrscheinlich ist das für die meisten Bürger meines Heimatlandes, die schon länger als eine halbe Generation dort sesshaft geworden sind, der Fall. 
Ich zumindest wage das zu behaupten.
Mit Königen, Prinzessinnen, Schlössern und königlichen Balkonen haben wir nicht viel am Hut. 
Ehrlich gesagt belächeln wir das ja gerne. Wir, die wir vier Mal im Jahr zur Urne rennen um da einen hübschen Zettel mit "unseren" Entscheidungen reinzustecken, die dann zehn, wenn es gut läuft fünf, Jahre später Inkraft treten. 
Nein, Monarchen mögen wir nicht so gerne. Viel zu oft haben die uns besetzt und uns unser Gold und unsere Bären aus der Hauptstadt geklaut (Oui, je parle de toi, Napoléon!). Ganz zu schweigen von dem ganzen Unrat den wir nach jeder Schlacht wegzuputzen hatten...
Bereits 1291 war eine Minderheit von uns der Meinung, dass sie gehörig die Nase voll haben und sich jetzt einfach mal zusammentun um willentlich eine Nation zu gründen.
1499 wurden wir dann auch faktisch unseren Lieblingsstalker Heiliges Römisches Reich los und 1648 hatten wir das dann auch juristisch geklärt, worauf wir uns dann mehrheitlich nur noch Innerlandes kloppten.
1848 waren dann auch alle soweit des Schreibens mächtig, dass wir uns so richtig offiziell mit Dokument und Parade "gründen" konnten. Was für eine Willensnation! Nein, Könige brauchen wir wirklich nicht.

Nichtsdestotrotz stand ich heute für gut eine Stunde in der beissenden Kälte eines englischen Morgens und starrte unablässig auf den Balkon der Guildhall in Cambridge. Wie hunderte andere Wartende wollte ich unbedingt einen Blick auf das Lieblingsehepaar aller Briten werfen: Prinz William und Kate, Herzog und Herzogin von Cambridge, beehrten die Hauptstadt ihres Countys Cambridgeshire mit ihrem ersten gemeinsamen Besuch hier. 
Was genau ich beobachten konnte war zusammengefasst folgendes:

- Warten, kreischende Menge
- Drei teure Wagen mit getönten Scheiben (und wohl auch so richtig Kugelsicherem Glass) fahren vor, gefolgt von ca. 10 Polizisten auf Motorrädern und genauso vielen zu Fuss
- Der Prinz und seine Herzogin steigen aus, mehr Gekreische
- Sie erscheinen auf dem Balkon der Guildhall in Cambridge
- Sie spazieren die Strasse von der Guildhall, entlang des Market Places zum King's College und winken, lächeln, schütteln Hände, nehmen Blumen von Fans entgegen
-Mir ist so kalt, dass ich nicht mehr warten mag und shoppen gehe, das grosse Spektakel ist mittlerweile eh vorbei, da sie in irgendeinem anderen Gebäude verschwunden sind

So viel zum Ablauf ihres Besuches, den ich mitgekriegt und verstanden habe.

Was ich Alpenländchenbewohnerin während des ganzen Spektakels und auch jetzt dachte war, dass ich Kate wirklich ziemlich symphatisch finde. Sie kann sich wirklich zeigen lassen und ich finde, dass sie etwas sehr Freundliches ausstrahlt, ehrlich. Auch William macht einen ganz netten Eindruck, ich kann wirklich nicht sagen, dass die beiden ihr Land nicht angemessen repräsentieren würden. Die machen ihren Job wirklich ganz gut. 
Aber genau das ist vielleicht der Punkt: Ihren Job
Sicher werden einige Leute hierbei aufhorchen. 
Ja, Prinz William und Kate sind für mich nach wie vor zwei Menschen, die ganz einfach den Job haben Herzog und Herzogin zu sein. Immerhin werden sie durch Steuern auch ziemlich anständig 
bezahlt dafür. 
Ich konnte nicht wirklich nachvollziehen, warum andere Menschen bei ihrem Anblick zu schreien begannen. Ich schreie auch nicht rum wenn mir ein Bundesrat begegnet. 
Aber es scheint tatsächlich so zu sein, dass die englische Königsfamilie noch immer von  einer Aura des Unfassbaren und Faszinierenden umgeben wird. Die Briten LIEBEN ihr frisch gebackenes, adeliges Ehepaar. 
Ich habe heute Morgen zwei berühmte Gesichter gesehen. 
Andere Leute haben fast geweint. 

Ich bin der Meinung, dass das der grösste kulturelle Unterschied zwischen England und meiner Heimat ist. Ich habe ganz einfach keine Ahnung was es bedeutet Teil eines Landes zu sein, dass stolz seine Monarchen feiert. 
Es ist nicht so, dass ich das schlecht finde. England kann tun und lassen, was es will. Ich will mich da nicht einmischen - die Leute lieben ihre Queen, dann sollen sie sie auch haben dürfen.
Ich fand es nur ganz einfach extrem interessant diesen kulturellen Unterschied zu entdecken.
Heute Morgen war es das erste Mal, dass ich einen Aspekt dieser fremden Kultur nicht verstehen 
konnte, egal wie sehr ich es auch versucht habe. 

Während hunderte andere Menschen schrieen, kreischten, jauchzten und weinten, stand ich in ihrer Mitte und fragte mich, ob die Engländer vielleicht deshalb nur drei Stunden pro Tag HEIZEN, weil Kates Schuhe und ihr super schicker Mantel so sacketeuer waren.

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