BEWUSST SEIN

4.12.12



Totally excited, mit erhitzten Wangen und einem Dauergrinsen im Gesicht gingen meine Freundin und ich durch Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett in London. Wie zwei Honigkuchenpferde freuten wir uns über die Figuren von Jonny Depp, Albert Einstein und John F. Kennedy. Natürlich lichteten wir uns auf unzähligen Bildern mit unseren Lieblingen ab. 
Was für ein Spass!
Ja, das dachte ich, bis ich plötzlich, ohne die geringste Vorahnung, um eine Ecke bog und schier zu Tode erschrak:
Vor mir stand Adolf Hitler.

Nach ein paar Sekunden ohne jegliche Bewegung begann mein Gehirn langsam wieder zu arbeiten und mir mitzuteilen, dass es sich auch bei Herrn Hitler nur um eine schneidige Wachsfigur hielt. Ich musste meinem Verstand natürlich Recht geben, da er keine zehn Zentimeter von Winston Churchill entfernt stand und die beiden sich im echten Leben wohl eher gekloppt als brav nebeneinander hingestellt hätten.
Jedenfalls war ich wieder fähig auf den Teil meines Gehirns zuzugreifen, der für das logische Denken zuständig ist und die erste Frage, die sich dieser Teil stellte, war:
Wieso steht in London ein Hitler?
Meine Freundin schien die ähnlichen Schreckenssekunden und darauf folgenden Gedankengänge gemacht zu haben, denn sie wandte sich an mich und sagte:
"Was soll das denn? Ist das ein Witz oder haben die sich noch nie überlegt, dass hier nicht nur Engländer vorbeilaufen?"
Eine äusserst interessante Frage.

Jedenfalls erinnerte ich mich daran, dass es auch im Berliner Madame Tussauds einen Herrn Hitler gab, dieser jedoch hinter Glas "aufbewahrt" wurde. Ausserdem wies ein grosses Schild darauf hin, dass Fotos und Videos von/mit Wachsfigur-Hitler verboten seien.
Man kann den Deutschen also nicht vorwerfen, dass sie ihre Geschichte leugnen würden. 

Was den "Führer" im Londoner Wachsfigurenkabinett angeht, so war ich eigentlich nicht geschockt, dass er dort stand, sondern dass er nicht hinter Glas war und, dass man friedefreudig Bilder mit ihm knipsen konnte, wenn man das wollte. 
Dazu muss ich sagen, dass ich niemanden beobachten konnte, der/die das getan hätte, aber tortzdem - die Möglichkeit bestand.

So, was ist denn nun eigentlich mein Probelm?
Ich habe mich das eine Weile selber gefragt und bin irgendwann zum Schluss gekommen, dass sich das historische Bewusstsein des englischen Volkes fundamental von jenem meines Volkes unterscheiden muss. 

Ansich ist das kein Problem.
Um herauszufinden, ob ich mit meiner Vermutung richtig lag, fragte ich meine Gasteltern, was sie davon hielten, dass im Londoner Wachsfigurenkabinett ein Hitler rumsteht.
Mein Gastvater antwortete daraufhin verwirrt: "Wieso, ist das für dich ein Problem?"
Wahrheitsgetreu gab ich zu, dass das für mich nicht direkt ein Problem darstellt, da ich mich in keiner Weise direkt mit der deutschen Geschichte identifizieren kann, ich dennoch ziemlich geschockt war Hitler dort stehen zu sehen, da er im Bewusstsein meines Volkes Unterdrückung, Massenmord, Krieg und eine Menge andere unschöne Begriffe verkörpert.

Also erklärten mir meine Gasteltern Folgendes:
In Grossbritannien versucht man scheinbar die Vergangenheit zur Kenntnis zu nehmen, sie jedoch nicht die Gegenwart und Zukunft beherrschen zu lassen. Sprich, Hitler ist für die Briten ein Mörder und schlechter Politiker, genauso wie es Heinrich VIII., Richard III., Stalin, Bin Laden und ein paar andere waren. Man sieht kein Problem darin diesen Mann in Form einer Wachsfigur auszustellen, denn er steht hier nur für einen Teil der Weltgeschichte.

Dieser Erklärung konnte ich ohne Probleme folgen und sie akzeptieren.
Ehrlich gesagt finde ich diese Denkweise sogar sehr gut: Aus der Vergangenheit lernen, sie akzeptieren und sie dann ruhen lassen. Hier ist Hitler einfach eine historische Persönlichkeit und man muss nicht die Stimme dämpfen, wenn man seinen Namen nennt.

Nachdem ich also verstanden hatte, warum er dort neben Churchill rumsteht, konnte mein Verstand trotzdem nicht umhin noch ein bisschen weiter zu gehen.
Ich fragte mich nämlich plötzlich, wo denn die Grenze ist?
Ich war ein bisschen geschockt diese Wachsfigur zu sehen, aber was ist mit Deutschen und Juden, die damit konfrontiert werden? Oder noch besser: Was ist mit den Neonazis, die noch immer in jedem Land zahlreich vertreten sind, welche diese Figur dort stehen sehen? Fühlen die sich dadurch nicht ermutigt? 
In Madame Tussaud's Wachsfigurenkabinett werden Persönlichkeiten ausgestellt, die Publikum anlocken sollen, die eine Sensation sind.
Ist es nicht falsch Hitler und andere Mörder (Jack the Ripper darin miteingeschlossen) dort auszustellen? Kann man Hitlers Vision von einem tausendjährigen Reich entgegenwirken indem man ihn zu einer Sentsation stilisiert?

Und wenn ich von Sensation spreche, dann geht es mir nicht mehr nur um diese Wachsfigur. 
Englische Buchhandlungen beherbergen in der Regel eine Abteilung für Nazi-Deutschland, so gross wie die Abteilung für Britische Geschichte. Dazu kommen die vielen historical fiction Romane, die im Dritten Reich spielen. 
Was mich jedoch am meisten verwunderte, war ein Marktstand, welchen ich in Cambride entdeckte: Bei diesem Händler konnte man Reichsbriefmarken, Reichsflaggen, Besteck mit dem Hakenkreuz Embel, Mutterkreuze und SS-Mützen kaufen.  

Alles so richtig "Original" natürlich. Ob diese ganzen Dinge wirklich aus Nazi-Deutschland stammten, weiss ich nicht. Bezweifeln tue ich es aber auch nicht wirklich.
Immerhin hat England den Krieg mitgewonnen und sicher so einiges mit nach Hause gebracht.
Es stellte sich mir jedoch nicht die Frage, ob es okay ist sowas zu verkaufen (ansonsten können wir uns ja gleich fragen ob der Kapitalismus okay ist...), sonder: Wer kauft so etwas?
Sammler?
Wer sammelt bitteschön SS-Mützen?

Nachdem ich all diese Dinge gesehen hatte und mit meiner Gastfamilie darüber gesprochen hatte, kam ich also zum Schluss, dass das historische Bewusstsein der Briten anders sein muss, als jenes der Alpenländchenbewohner. 
Mir wurde klar, dass das neben der Tatsache, die ich in ZUWINKEN beschrieben habe, ein weiterer,enormer Kulturunterschied ist. 
Das historische Bewusstsein der Alliierten unterscheidet sich offenbar fundamental von jenem der Achsenmächte oder der "neutralen" Staaten.

Aber ich habe ja eigentlich keine Befugnis mich diesbezueglich allzu kritisch zu aeussern, denn der Gewinner schreibt ja bekanntlich die Geschichte. 

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2 Kommentare

  1. ich finde, die deutschen sind total shizophren, wenn es um ihre vergehenheit geht. einerseits sind alle angeblich total abgestossen und beschaemt, andererseits laufen auf den "billigen" tv-sendern den ganzen tag kriegsdokus rauf und runter. ich denke schon, dass viele deutsche eine gewisse kriegsnostalgie und -romantisierung betreiben, sonst wuerde ich ja nicht jeden tag mindestens einmal hitler im tv sehen. dann wiederum ist eine hitlerwachsfigur in dem rahmen ausgestellt, wie du es erlebt hast, hier unvorstellbar. ich denke das dritte reich ist im deutschen denken total "blown out of proportion". (und der ganzen welt womoeglich)

    fakten spielen da leider keine grosse rolle, ich kann zwar nur fuer meine schulbildung sprechen, aber ich habe frueher ein im kreis sehr angesehenes altsprachliches gymnasium besucht, also ein ort an dem man eine umfassende bildung erwarten wuerde und dadurch, dass ich geschichte in der oberstufe abgewaehlt habe, habe ich die ns zeit tatsaechlich in der schule (in geschichte)nie durchgenommen.

    auf der anderen seite musste ich aber in deutsch gefuehlte 100 lektueren lesen, tagebuch der anne frank, als hitler das rosa kaninchen stahl; was ich persoenlich immer zum kotzen fand weil dann immer so eine aetzende betroffenheitsmentalitaet fuer monate in den unterricht eingekehrt ist.

    ich hab das gefuehl, ich verliere grade den faden :D. den lockeren umgang der briten mit dem thema find ich glaub ich besser. ueber dschingis khan werden ja auch lustige liedchen getraellert und niemand findet es anstoessig. mir ist natuerlich klar, dass ein paar jahre zwischen diesen beiden verbrechern liegen und das durchaus einen unterschied macht, aber es gab vor hitler schon boese menschen und auch leute, die mehr gemordet haben, vielleicht grausamer.

    eigentlich ist die ganze welt doch mega fasziniert von dem ereignis. warum kommen sonst filme ueber zombienazis ins kino?? ich weiss nicht, was die menschheit darueber so fasziniert. die effizienz, die schicken uniformen?


    ok ich fang an mich sinnlos aufzuregen.
    wie du am ende schreibst, der gewinner schreibt die geschichte, und in diesem fall hat amerika gewonnen, das land, welches seine kultur bis in jeden letzten winkel des welt exportiert. und medial unglaublich ueberrepraesentiert ist, sowohl von der nachrichtenerstattung her (siehe us wahl) andererseits auch die unterhaltungssendungen, man siehe primetime auf pro7, da kommt selten irgendne deutsche produktion. ich wuerde mal behaupten, der gewinner hat seine version nicht nur "aufgeschrieben" sondern den menschen quasi ins hirn gebrannt ^^

    naja ich hoffe ich werde nicht falsch verstanden
    lg

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    1. Das ganze Thema ist ja sehr kontrovers und man kann stundenlang darüber diskutieren, ob unsere Bildung bezüglich dieses Themas genügend ist oder ob wir uns noch mehr oder eher weniger damit hätten auseinander setzten sollen.

      Ich bin mir sicher, dass das ganze in Deutschland ein grosses Thema ist und ihr das in der Schule des öfteren durchkauen müsst. Auch, dass die ganzen Dokus auf den Billig-Sendern rauf- und runterlaufen ist kein Zufall. Das ist wie mit RTL: Man zeigt etwas tausendfach, man erwähnt etwas tausendfach, damit es im Gedächtnis des Volkes hängen bleibt.
      Das wusste ja schon der alte Goebbels meisterhaft zu demonstrieren.
      Das Deutsche Volk wird noch immer umerzogen, wird noch immer abgerichtet. Genauso wie alle anderen Völker auf der Welt.
      Wenn du mich fragst, dann machen die das absichtlich mit all diesen Dokus im TV, mit der Literatur (die ja witziger Weise wie zB. "Der Junge im gestreiften Pjyama" nicht mal recherchiert wurde...) in der Schule und dem ganzen Geschichtsunterricht. Man will euch ein schlechtes Gewissen machen. Ihr sollt ein schlechtes Gewissen haben.
      Genauso wie das ganze böse Europa, dass euch nur zugesehen hat.
      Glaub mir, auch bei mir in der Schule wurde das tausendfach durchgeackert... Nun ja, ich will ja hier keine Verschwörungstheorien aufstellen.
      Ich finde es nur interessat, dass die Briten in der Schule andere Fakten lernen, als wir es tun...

      Ich denke ich verliere auch den Faden. Was ich meine ist: Ich finde es eigentlich auch okay, dass England mit diesem Thema irgendwie lockerer umgeht. Dort wird kein schlechtes Gewissen mehr geschürt, dort ist es halt einfach "Geschichte".
      Ich frage mich nur, in wie fern das okay ist. Ob sie damit nicht Neonazis auf dumme Gedanken bringen.
      Aber genauso stellt sich mir auch die Frage, warum denn Deutschland und andere Staaten das nicht auch tun dürfen. Warum dürfen die Verlierer jetzt das Kapitel nicht auch endlich schliessen und als "Geschichte" abtun?
      Aber wenn man dieser Frage nach geht, verliert man sich leider in den Abgründen der Verschwörungstheorien und ich will meinen Blog ja eigentlich nicht in diese Richtung bringen.
      Es war nur eine Frage, die sich mir gestellt hatte, nachdem ich einmal länger darüber nachgedacht hatte.
      Und ich stimme dir zu, dass dieses ganze Thema "blown out of propotion" ist - auf der ganzen Welt.

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