VERABSCHIEDEN

18.12.12


Bekanntlich muss man ja immer dann gehen, wenn es gerade am Schönsten ist.
Unverschämtheit, dass dieses Sprichtwort auch die letzten Tage meines Aufenthalts in England elegant zu umschreiben vermag.
Endlich hatte ich mich eingelebt, endlich hatte ich mich an die gefühlten -1000°C im Haus und den abartigen Wind vor der Tür gewöhnt, endlich hatte ich herausgefunden wo es mein Lieblingsjoghurt zu kaufen gab. Aber alles Jammern half nichts, nach Hause musste ich trotzdem.
Wenn das Geld alle ist, dann ist es eben alle.
Und ganz ehrlich, rote Zahlen entsprechen so ganz gar nicht meinem Sinn für Ästhetik.
Also musste ich die Insel verlassen. Und das geschah auch (so peinlich mir das sein mag, ich will meinen Lesern/innen hier natürlich Ehrlichkeit suggerieren) unter vielen, vielen Tränen.
Irgendwie war mir meine Gastfamilie halt trotz ihres kalten Hauses und ihrer seltsamen Essgewohnheiten sehr ans Alpenländchenbewohnerherz gewachsen. Auch meine neuen Freunde aus aller Welt würde ich nun nicht mehr allzu oft zu Gesicht bekommen.
Also weinte ich Abschiedstränen, umarmte meine Lieben, stopfte meinen Koffer so voll es ging und begab mich auf die Rückreise.
Die ist auch erwähnenswert. Ausserdem will hier sicher niemand Beschreibungen von Tränenüberfluteten Gesichtern, roten Augen, Rotz und heulenden Gastkindern lesen.
Das wäre ja eine Zumutung. Zu viele Emotionen.

Beschränken wir uns also auf die einfachen, klaren Fakten:
Ich machte mich also auf die Rückreise.
Ich wurde von meiner lieben Gastmutter zum Bahnhof in Cambridge gebracht und schaffte es dort, sogar ganz ohne Diskussionen am Schalter und ohne Gepäckverstauschwierigkeiten, meinen Zug nach London King's Cross zu erwischen.
Wusstet ihr, dass im Bahnhof King's Cross ein Harry Potter Shop eröffnet hat?
Neee, ich auch nicht - zum Glück, ansonsten wäre mein Koffer wohl noch übergewichtiger geworden...
Jedenfalls schaffte ich es ohne Probleme nach King's Cross und dort in die U-Bahn nach London Heathrow. Ich war ganz schön stolz auf mich, dass ich diese Reise mit all meinem Gepäck und ganz alleine bewältigte. So vollgestopft, wie die Piccadilly-Line nämlich ist, ist es ein kleines Kunststück einen 23kg und einen 10kg Koffer plus eine 4kg Handtasche dort hinein zu kriegen.
Am Flughafen angekommen, konnte ich aber nicht gleich zum Check-In marschieren, da ich den Flug erst am nächsten Tag hatte.
Ihr fragt euch jetzt bestimmt warum ich so bescheuert war dort schon hin zu fahren.
Nun, das liegt ganz einfach daran, dass es echt nervig ist am selben Tag von Cambridge nach London Heathrow zu reisen und auf Garantie den Flug zu erwischen. Bei dem Stau, der sich regelmässig von Cambridge nach London über sämtliche Autobahnen erstreckt, ist es nämlich nicht sicher, dass die Flughafen-Shuttlebusse von Cambridge nach London es auch wirklich rechtzeitig zum gewünschten Flughafenterminal  schaffen.  Und da ich ja sowieso zu viel Geld habe und es breitwillig in den Wirtschaftskreislauf einfliessen lassen will, habe ich mir ein Hotel am Flughafen gebucht um die Nacht dort zu verbringen.
War ganz nett.
Ehrlich: Es war ein sehr komfortables Hotel.
Nein, ich erzähle euch nicht, welches es war.

Zusammengefasst war ich unglaublich erstaunt, wie einfach meine Rückreise verlieft. Am nächsten Tag fuhr ich schon früh an den Flughafen und mein Flugzeug startete fast nach vorgegebenem Plan.
Es war ein äusserst seltsames Gefühl die englischen Backsteinhäuser, die Themse, die grünen Felder und flachen Landschaften nach drei Monaten unter mir verschwinden zu sehen.

Nein, ich werde nicht emotional!
Nun ja, vielleicht ein bisschen.
Denn ich muss zugeben, dass auch wenn ich die Zeit in England sehr genossen hatte, mir einige Freudentränen über die Wangen rannen, als mein Flugzeug auf Alpenländchenboden aufsetzte.
Die vertraute Architektur, die Hügel und Berge, der Schnee, die vielen Mülltonnen und sauberen Strassen hatten mir eben doch gefehlt.
Auch wenn ich vorsätzlich abgehauen war, so freute ich mich doch auf das Wiedersehen.
Und jetzt hört sich das natürlich doch emotional an. Und vielleicht sogar ein bisschen patriotisch.
Aber wisst ihr was?
Damit kann ich leben, denn nichts geht über ein Fondue in einer warmen Stube.

Ihr dürft euch jetzt also moralisch auf Berichte aus dem Alpenländchen vorbereiten.
Oder ihr könnt es bleiben lassen.

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