Unter Arbeitern

1.9.13

Lea-klein in weissem Hemd, weisser Hose, mit weisser Schürze, in weissen Schuhen und mit einer weissen Haube - so müsst ihr euch meine Arbeitskleidung vorstellen.
Nein, ein Bild davon erspare ich euch.

In (schweizer) Krankenhäusern ist Hygiene Pflicht.
Essen wird natürlich nur mit Gummihandschuhen an die Patienten verteilt, würden Haare in einem Teller zu finden sein, würde der Laden wohl dicht gemacht.
Obwohl ich dachte, dass es dort hübsch sauber zu und her geht, wurde ich eines Besseren belehrt.
Für einen Monat habe ich als Sommeraushilfe in einem nahegelegenen Krankenhaus gearbeitet.
Bevor ich meine Stelle antrat malte ich mir das noch recht lustig aus, schnell wurde mir aber klar,
dass ich leider nur die Stelle des Laufburschen ergattert hatte.
Ich wurde nämlich in den Küchendienst eingeteilt.

Nun gut, ganz so übel war es nicht. Jedenfalls musste ich keine Verantwortung für das Essen übernehmen, ich musste immerhin nicht kochen!
Und ich musste auch nicht in einer Poulet-Fabrik Hähnchenkadaver mit Gewürzen stopfen oder bei 30 Grad im Schatten Tannenbäumchen auf einer Plantage pflanzen.
Es gibt weitaus schlimmere Sommerjobs als jenen, den ich abbekommen hatte.
Trotzdem.

Morgens um neun ging das ganze jeweils los: Erstmal rein in die weissen Klamotten und dann los geputzt! Jeden Morgen musste der grosse Karren, mit welchem das Frühstück auf die Stockwerke zu den Patienten gefahren wird, geputzt werden. Gesagt, getan.
Danach ging es ab in die Küche, die ich eher als Waschküche bezeichnen kann, da ich dort den ganzen Tag über nichts anderes getan habe, als Geschirr abzuwaschen.
Das war nämlich meine Hauptaufgabe: Das Geschirr des ganzen Pflegeheims (jawohl, zu dem Krankenhaus gehört ein Pflegeheim mit echten, alten Menschen drin) zu waschen.
Dazwischen musste man immer kurz für höchstens zehn Minuten wegdüsen um an der Rezeption das Mittagessen für die Ärzte telefonisch in der "richtigen" Küche (die Küche in der gekocht und nicht nur abgewaschen wird) zu bestellen. Laufburschen-Teil, Klappe die Erste.

Gegen 10:30 hatte ich jeweils das ganze Frühstücksgeschirr geschafft und ging los um die Teller, Tassen und Bestecke auf die Stockwerke zu verteilen. Um 10:45 musste ich damit fertig sein, da das Essen aus der Küche bereit war und ich dabei helfen musste es an die Patienten auf den Stockwerken zu verteilen. Laufburschen-Teil, Klappe die Zweite und Dritte.
Warum ich übrigens finde, dass Krankenhäuser doch nicht ganz so klinisch sind: Um diese Zeit war ich jeweils nass geschwitzt und meine Schürze über und über voll mit Kaffee-, Milch- und Haferschleimflecken (jawohl, ich habe sie immer brav gewechselt. Nein, die verschwitzten Kleider nicht).

Hatten sich alle Patienten ordentlich die Bäuche vollgeschlagen, durfte auch ich einen Happen essen und dann war es auch schon soweit und ich musste das Mittagsgeschirr abwaschen. Übrigens meine Hassdisziplin. Mittags gab es immer Suppe, Salat, Hauptgang und Dessert - in etwa die Menge von Geschirr die es zum Frühstück und Abendessen gemeinsam gab. Ich schrubbte also von 12:15-13:45 haufenweise Teller und ging dann wieder los das hübsch weisse Geschirr auf die Stockwerke zu verteilen. Laufburschen-Teil, Klappe die Vierte!

Dann kamen die sinnlosen drei Stunden Pause.
Versteht mich nicht falsch, ich liebe Pause. Ich kann nicht genug Pause machen.
Aber diese Pause fand jeweils zu einer dummen Zeit statt. Und zwar musste ich mich, schon totmüde und ohne die Aussicht auf ein Bett, jeden Tag von 14:10 bis 16:30 irgendwie beschäftigen. Nach Hause fahren konnte ich nicht, da ich zu weit weg wohnte und die ÖV übelst schlechte Verbindungen zu bieten hatte.

Wenigstens gab es ein Schwimmbad, einen See und eine menge netter Lokale in der kleinen Stadt.
Ich vertrieb mir also bei schönem Wetter die Zeit damit baden zu gehen und im Gras vor mich hin zu dösen und bei schlechtem Wetter probierte ich die beliebtesten Cafés im Städtchen aus.
Das war ganz angenehm.

Dieses Lokal mochte ich besonders gerne.
Es war einer Brockenstube nachempfunden
und man konnte auch kleine Antiquitäten
und andere Raritäten kaufen.

Der Cappuccino dort war toll!
Und diese niedlichen Tassen erst!



Innenraum des Lokals 

Um 16:45 ging es dann wieder los: Abendessen an die Patienten verteilen.
Gegen 18:00 war das dann geschafft, ich durfte wieder was Essen (ja, gehungert habe ich sicher nicht) und um 18:15 dann mit dem Geschirr des Abendessens loslegen.
Gegen 19:30 hatte ich das meistens geschafft, dann kam der letzte Laufburschen-Teil des Tages: Geschirr auf die Stockwerke verteilen, Geschirrspüler putzen, Boden fegen, alles abschliessen und FEIERABEND!

Mein Zweitliebstes Café: Eingerichtet
mit barocken Möbeln und Tischchen
aus dem 19. Jahrhundert.

Milchkaffee, Minikuchen und gute
Lektüre.



Dieses Café hatte übrigens das tollste Klo,
das ich je gesehen habe: Eine Original
Toilette aus dem 19. Jahrhundert
mit Malereien auf und in der Schüssel.
Und es gab richtige Handtücher.
Ach... 

Es war wirklich keine besonders schwierige Arbeit, aber sie war körperlich extrem anstrengend.
In dieser Waschküche war es jeweils um die 30 Grad warm und ich musste echt schwere Teller und andere Dinge heben, den ganzen Tag stehen und herumrennen.
Es klingt ziemlich locker und sicher ist es das auch für Leute, die es sich gewohnt sind ein Leben lang so zu arbeiten. Aber für mich als Studentin und Stubenhockerin war es schon eine Herausforderung.
Und da ich jeden Tag die selben Dinge tun musste und irgendwann immer die gleichen Handgriffe machte, wurde es auch zunehmend langweilig und öde.

Was ich bei der Arbeit gelernt habe ist sicher, dass manche von uns froh sein sollten, dass es Leute gibt, die solche Arbeiten erledigen. Diese Leute sind in der Regel furchtbar schlecht bezahlt (ja, ich hätte mich auch gerne über meinen Gehalt beschwert, aber da ich "nur" die Aushilfe war, konnte ich es noch akzeptieren) und setzen ihre Gesundheit aufs Spiel.
Küchenarbeit, auch wenn es nur Abwasch war, ist in einem Krankenhaus mit so vielen Patienten echt anstrengend und stressig.

Wenn ihr also mal im Krankenhaus liegt und darüber flucht, dass euer Essen noch immer nicht gekommen ist oder euer Teller heute schon wieder nicht heiss genug ist, dann haltet doch bitte einfach die Klappe. Es könnte nämlich sein, dass ich das bin, die dort unten in der Waschküche für euch schuftet. Und glaubt mir: Ich habe immer einen Salzstreuer dabei um denjenigen, die zu oft an meiner unterbezahlten, schweisstreibenden Arbeit herum meckern, ordentlich die Suppe zu versalzen.

Bon Appetit.

In meinen Drittliebsten Lokal gab
es tollen Hausgemachten Eistee! 

Magst du vielleicht auch

0 Kommentare