Lolita-Modenschau im Textilmuseum St Gallen anlässlich der Museumsnacht St Gallen 2014

19.9.14

Gruppenfoto nach der Schau

Anlässlich des 150jährigen Jubiläums der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Japan werden dieses Jahr in zahlreichen Museen des Alpenländchens Ausstellungen zum Thema "Beziehung Schweiz/Japan" gezeigt. In "Zu Besuch im Museum für Ethnographie Neuchâtel - Imagine Japan" bin ich schon einmal auf dieses Jubiläum zu sprechen gekommen.
Das Textilmuseum St Gallen gehört zu jenen kulturellen Institutionen, die eine entsprechende Ausstellung präsentieren. Vom 23. März bis 30. Dezember 2014 zeigt das Museum "Kirschblüten & Edelweiss. Der Import des Exotischen" Teil dieser Ausstellung, die sich dem Einfluss Ostasiens auf die Schweizer Textilgestaltung widmet, sind ein paar Fotos aus dem Projekt "Portraits de Lolitas: Princesses modernes/Lolita Porträts: Moderne Prinzessinnen" von Natalia Mansano.

Da die Lolita-Mode teil dieser Ausstellung ist, und auch weil wir beim einen oder anderen Lolita-Treffen das Textilmuseum besucht haben und den Mitarbeitern dabei aufgefallen sind, kam das Museum auf Mara zu und fragte bei ihr an, ob wir Lolitas Interesse hätten für Museumsnacht St Gallen 2014 eine Modenschau zu organisieren.

Die Idee gefiel einigen von uns sehr gut und wir sagten zu. Wir achteten darauf, dass Vertreter/innen für verschiedene Substile präsentieren konnten und gaben uns alle sehr viel Mühe mit der Zusammenstellung unserer Outfits. Wir wollten, dass die Besucher der Modenschau einen etwas tieferen Einblick in diesen, für die meisten von ihnen, fremdartigen Modestil erlangen konnten.


Letzte Details mit der lieben Andrea klären


Andrea (ihr solltet euch ihre Facebook-Seite ansehen, sie schneidert wundervolle Sachen!) und ich übernahmen die Moderation der Modenschau. Dabei versuchten wir den Besuchern den Lolita-Modestil zu erklären, in dem wir (soweit dies eben möglich ist) die Herkunft des Begriffs "Lolita" erläuterten, über die Geschichte der Mode und insbesondere über unsere Schweizer Szene sprachen.

Wir zeigten die Modenschau zweimal - einmal um 19:00 Uhr und einmal um 21:00 Uhr. Schon um 19:00 Uhr war sie ziemlich gut besucht, aber für die zweite Schau kamen dann sehr viele Leute, was uns sehr freute, da wir nicht gedacht hätten, dass ein derartiges Interesse an unserem Hobby besteht. Insgesamt schienen die Leute nach der Schau positiv eingestellt, manche stellten sogar noch Fragen oder wollten Fotos von und mit uns machen.


Schlusslauf


Zelda in ihrem supersüssen Sweet-Outfit


Ich trug an diesem Abend meinen heissgeliebten Rock von Sevensins Stageclothing (früher Atelier Pinky) und ging damit als Vertreterin für den Aristocrat-Lolita-Stil (oft auch Elegant Gothic Aristocrat Lolita, kurz "EGA") über den Laufsteg. Andrea und ich erklärten jeweils was es mit den verschiedenen Substilen auf sich hat, insbesondere was ihre Merkmale sind.


Hier erkläre ich Andreas Substil "Kodona"

Für diesen Abend hatte ich mir in der Woche zuvor noch einen Hut gemacht. Eigentlich wollte ich so richtig einen Hut machen - mit dem richtigen Stoff dafür und ihn von Hand nähen. Das wurde dann allerdings nichts, weil ich etwas spät damit begann und keine Zeit mehr hatte mich auf die Suche nach dem richtigen Stoff zu machen. Ich habe ihn dann eher behelfsmässig aus Karton und schwarzem Reststoff, den ich noch zu Hause hatte, gemacht. Dementsprechend sieht er aus der Nähe auch nicht allzu hübsch aus, ich musste ihn mit Heissleim kleben. Aber er erfüllte seinen Zweck.




Ich wollte mein Outfit ein bisschen an das 19. Jahrhundert anlehnen, damit die Besucher den Einfluss historischer Mode auf Aristocrat Lolita erkennen konnten. Ich wählte klassisches Schwarzweiss - nach wie vor die Kombination die sich am einfachsten in meiner Garderobe finden lässt.





Outfit Rundown:
Hut - selbstgemacht
Blouse - Surface Spell
Korsett - Mercy
Rock - Sevensins Stageclothing

Nach der Modenschau erwartete uns dann noch eine nette Überraschung! Das Museum hatte schon angekündigt, dass sie uns eine Unterkunft für die Nacht organisieren würden. Wir hatten dabei an eine Jugendherberge oder etwas in der Art gedacht. Stattdessen wurden wir mit dem Taxi in das Kurhaus & Medical Center Oberwaid gefahren. Dort verbrachten wir eine sehr angenehme Nacht und frühstückten  noch viel besser am nächsten Morgen.

Diese Modenschau gehört für mich zu meinen persönlichen Lolita-Higlights. Ich bin immer wieder erstaunt, was ich durch mein Interesse an der Lolita-Mode alles erleben darf. Im Zug zurück nach Hause machten wir eifrig Pläne für neue Treffen und es kam sogar die Idee auf einmal gemeinsam nach Paris zu fahren.

Ich wurde schon ein paar Mal gefragt, warum ich denn Lolita vor allem für Treffen und nicht alleine trage. Das hat einerseits damit zu tun, dass ich es im Alltag sehr umständlich finde Lolita zu tragen. Ich schwitze so schnell und man trägt ja doch einige Schichten Stoff für ein komplettes Outfit. Ausserdem kann man mit einem Petticoat nicht sehr bequem in einem Universitäts-Auditorium sitzen oder Einkäufe erledigen (ich bin immer furchtbar ungeschickt und nehme die Auslagen in den Läden mit mir mit).

Andererseits liegt es aber auch daran, dass es in der Gruppe einfach mehr Spass macht. Wenn man Lolita trägt muss man sich bewusst sein, dass die Leute einen darauf ansprechen oder deswegen anstarren. Dieser Modestil ist anders als Gothic oder Punk in Europa, vor allem auch hier im Alpenländchen, noch nicht weit verbreitet. Die meisten Leute glauben, dass man ein Bühnenkostüm oder eine spezielle Tracht trägt und fragen dann ständig nach zu welchem grossen Auftritt man unterwegs ist. Das ist ja ganz lieb und nett und ich unterhalte mich eigentlich gerne mit Menschen, wenn das aber jede Stunde ein paar Mal der Fall ist und ich nie meine Ruhe habe, fühle ich mich zunehmend durch solche Fragen bedrängt. Manchmal habe ich schlicht keine Lust mich zu erklären. Und die meisten Leute glauben einem ja dann nicht, dass man es trägt, weil man es hübsch findet, sondern suchen irgendeinen tieferen Sinn dahinter.




Ausserdem geben mir Erzählungen von befreundeten Lolitas oder Lolitas aus dem Ausland, die auf der Strasse übel beschimpft und ausgelacht werden, manchmal zu denken. Natürlich muss man sich die Meinung fremder Leute nicht anhören, aber ich habe auch schon davon gehört, dass es Leute gab, die gegenüber Lolitas gewalttätig und belästigend wurden und das möchte ich dann doch nicht immerzu riskieren. In der Gruppe fühle ich mich da einfach etwas sicherer.

Ein weiterer Grund dafür, dass ich Lolita-Mode nicht jeden Tag trage ist, dass ich schlichtweg kein Mensch bin, der das tun will. Ich erfreue mich eigentlich auch an "normaler" Mode und trage auch diese sehr gerne. Ich habe ja schon mehrmals betont, dass Lolita-Mode für mich keine Lebenseinstellung, sondern ein Hobby ist. Ich möchte es nicht jeden Tag tragen, weil es dadurch irgendwo auch seinen Zauber verlieren würde.

Ich habe es während meiner Ausbildung an der Schule für Gestaltung erlebt wie das Zeichnen plötzlich, als ich es jeden Tag tun musste, seine Einzigartigkeit verlor. Ich war plötzlich schrecklich leidenschaftslos. Noch immer kämpfe ich gegen dieses kreative Tief an - ein Kampf der jetzt schon gut zwei Jahre dauert.

Ich möchte nicht, dass sich diese Geschichte mit Bezug auf die Lolita-Mode nochmals wiederholt. Das selbe gilt für Literatur - ich habe mein Studium unter anderem deswegen abgebrochen, weil ich nicht wollte, dass mich Bücher irgendwann anöden würden.
Lolita ist eine kleine Welt für sich, die der Realität zu entrücken vermag. Manchmal lehne ich mich gerne zurück und denke nicht an all die Dinge, die ich noch erledigen sollte, sondern geniesse einfach die Ästhetik, die von den Stoffen und Formen der Kleider ausgeht. Fast so, als würde ich eine Kunstausstellung besuchen. Dabei bin ich nicht weniger "Ich", als wenn ich in einer Vorlesung sitze. Es ist vielleicht nur ein anderer Ausdruck meiner selbst. Etwas, das ich auch nicht jedem immerzu zeigen möchte. Und am Ende spielt es ja eigentlich auch gar keine Rolle, denn wer weiss schon was "Ich" wirklich ist und ob Leute, die immerzu "normal" sind nicht eigentlich die viel krasseren Kostüme und Masken tragen.

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1 Kommentare

  1. Bravo pour votre présentation à toi et Aya ! L'Arisocrat te va décidément si bien !
    Ahaha, et la surprise de l'hôtel, je crois que je m'en souviendrai encore longtemps xD

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