Meine zitternde Seele

6.1.15

oder warum Lolita-Mode keine Rüstung ist




"Es ist ein Schutz", sagte sie und strich dabei die Falten galt, die ihr rosafarbener Rock beim Sitzen warf, "Der ganze Tüll darunter, die Rüschen, die vielen Schichten. Ja, ich liebe es, dass es so hübsch aussieht, aber es ist doch eigentlich auch ein Schutz."
Wir sassen unter einem Sonnenschirm vor einem Café mitten in der Stadt, es war ein schöner Spätsommertag und mir war mit dem Petticoat unter meinem Rock und den dünnen Strumpfhosen unter den Kniesocken fast schon zu warm. 
"Was meinst du genau mit "Schutz"?", fragte ich sie, denn ich hatte eigentlich noch nie so darüber gedacht.
"Ich meine einen Schutz nach aussen. Der bauschige Rock gibt mir das Gefühl geschützt zu sein. Er schafft genügend Abstand zwischen mir und den anderen Menschen."
"So habe ich das noch nie betrachtet", sagte ich wahrheitsgemäss, "Ich habe Lolita noch nie als Schutz betrachtet. Aber irgendwie ergibt das Sinn."


Der Schutz nach aussen 

Ich habe danach noch lange darüber nachgedacht. Bis zu diesem Moment in diesem Café hatte ich die Lolita-Mode immer nur als einen blossen Kleidungsstil verstanden, als eine Form von kreativem Ausdruck vielleicht. Ich hatte schon oft darüber nachgedacht warum ich diese Kleidung eigentlich so mag, aber ich war nie bis zu diesem Punkt vorgedrungen. Vielleicht hatte ich es bisher auch bloss nicht gewagt. Es gibt Leute, die sich auf eine bestimmte Art und Weise kleiden um sich zu schützen. Das leuchtet ein. Kleidung trägt, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, in grossem Masse dazu bei, ob wir uns in eine Gruppe einfügen können oder nicht. Ich bin keine Psychologin, aber das erscheint mir doch immer wieder beobachtbar zu sein. 

Jedoch gibt es, entgegen der häufigen Annahme, dass Lolitas ihre Kleidung gerade deswegen so wählen um aufzufallen, offenbar auch Lolitas, die sie als Schutz betrachten. Als ich nach diesem Gespräch mit meiner Freundin abends zu Hause aus meinem Kleid schlüpfte, fragte ich mich, ob ich auch zu diesen Lolitas gehöre. Ich verneinte das. Zugleich wurde mir aber auch klar, warum ich es so einfach zu verneinen wusste.


Die Haut reicht nicht

Ich brauche keinen bauschigen Rock, keine Rüschenblouse, Perücke oder einen Sonnenschirm um mich nach aussen hin vor anderen Menschen zu schützen. Dafür habe ich meine Haut. Meine Haut beschützt mich vor den anderen, genauso wie sie die anderen vor mir schützt. Die Haut ist die Barriere zwischen uns, die Haut können wir nicht überwinden und das ist es, was uns verzweifeln lässt, wenn wir nackt neben dem Geliebten liegen und nicht weitergehen können, obwohl wir uns so sehr danach sehnen. 

Manchen Menschen scheint das, was uns naturgegeben voneinander fern hält, aber nicht zu reichen. Manche Menschen brauchen Kleiderschichten um sich sicher zu fühlen. Und eigentlich ist das völlig in Ordnung, denn draussen ist es kalt und eigentlich sollten wir uns viel mehr voreinander fürchten als wir das in der Regel tun.

Ich zog die Ringe von meinen Fingern und schlüpfte aus meinen Kniesocken, als mir noch etwas bewusst wurde: Auch mir reicht die Haut nicht. Auch ich brauche eine weitere Schicht um mich zu schützen, einen Panzer unter dem ich mich sicher genug fühle um mich dem Alltag zu stellen. 

Ich bin zwar keine Lolita, die diese Kleidung trägt um sich zu schützen, aber auch ich brauche eine Rüstung. Meine Rüstung ist meine Alltagskleidung. Das wurde mir schlagartig klar und dabei fühlte ich mich sehr, sehr traurig. 


Meine Rüstung

Es ist nicht so, dass ich die Kleidung, die ich neben Lolita trage, nicht mögen würde. Ich habe hier schon an mehreren Stellen beteuert, dass ich keine Lifestyle-Lolita bin und auch keine sein möchte. Ich will gar nicht jeden Tag Lolita tragen. Ich gebe mir auch immer sehr viel Mühe mit meiner "Alltagskleidung". Ich ziehe nur Sachen an, die mir gefallen und von denen ich glaube, dass sie mir stehen. Ich gehöre wirklich zu der Sorte Mensch, die sich gerne mit ihrem Erscheinungsbild beschäftigt.  

Aber die Argumente von wegen Lolita sei in gewissen Situationen unbequem zu tragen und, dass die Lolita-Kleidung teuer sei und die Kleider teils zu besonders um sie jeden Tag anzuziehen, sind eben nicht allein ausschlaggebend dafür, dass ich keine Lifestyle-Lolita geworden bin. 

Lolita ist eben keine Rüstung für mich. Diese Mode ist für mich das Gegenteil davon. Irgendwann während meiner Zeit an der Schule für Gestaltung war ich kurz davor das Zeichnen innerlich aufzugeben. Das war der Moment, in dem ich mich für Lolita-Mode zu interessieren begann. Zeichnen ging einfach nicht mehr. Zeichnen geht noch immer nicht so gut wie es einst gegangen ist. 
Aber ich hatte ein anderes Medium gefunden um meinen Ideen, meinem Inneren einen Ausdruck zu verleihen. 


Das Innerste, das Verletzlichste 

Wenn ich Lolita-Mode trage, trage ich keine Rüstung, ich trage das Gegenteil von einer Rüstung. Ich bin nackt. Ich stülpe einen Teil meines Innersten nach aussen, präsentiere es der Welt und flehe zum Himmel, dass es niemand einfach so beim Vorbeigehen zerreisst, denn es ist unglaublich fragil, zerbricht beim leisesten Windstoss. 

Dabei spielt es keine Rolle, dass ich vielleicht eines Tages keine Lolita-Kleider mehr tragen werde. Dieser Teil von meinem Innersten, von meiner kleinen Seele, wird sich dann etwas Neues suchen um sich einen Weg an meiner Haut vorbei nach draussen zu bahnen. Das hat dieser zitternde Funken ja schon mehrmals geschafft. 


Zitternde Seele

Das also ist vielleicht der eigentliche Grund, weshalb ich Lolita-Mode nicht jeden Tag trage. Ich bin nicht stark genug jeden Tag ohne Rüstung herumzulaufen. Ich bin nicht stark genug jeden Tag einen Teil meiner Seele der Welt, die ihr solch eine Angst einjagen kann, zu zeigen. 
Ich will meine zitternde Seele nicht immer allen präsentieren. 

Fragt man mich danach, so erzähle ich gerne davon, dass ich Lolita-Mode trage und was es damit auf sich hat. Aber ich erzähle selten von mir aus davon. Und wenn mich jemand fragt, dann bleibe ich reserviert, bleibe hinter meiner Rüstung um erst hervorzukommen, wenn ich sicher bin, dass derjenige meine Seele nicht angreift. 

Bisher habe ich nur mit einer Handvoll Menschen, die selber keine Lolita-Mode-Träger/innen sind, mehr als nur fünf Minuten über Lolita geredet. Selbst als ich beschloss mir einen Ruck zu geben und für ein Seminar der Universität einen Vortrag in einem Lolita-Kleid zu halten, hatte ich das Kleid nach gut fünf Minuten wieder ausgezogen. 

Es ist nicht leicht aus der Rüstung zu schlüpfen. Eigentlich schaffe ich es nur, weil ich ab und an anderen Menschen begegne, von denen ich glaube, dass sie vielleicht für ein paar Sekunden auch ihre Rüstung vor mir haben fallen lassen.

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