Von der "holden Maid" und der Lifestyle-Lolita: Lolita-Mode als Lebenseinstellung

11.1.15



Das geheime Leben einer Lolita

Vor gut einem Jahr brachte die australische Produktionsfirma Deerstalker Pictures (spezialisiert auf Lolita- und Cosplaykurzfilme) den Kurzfilm "The Secret Life Of The Lolita (Part I)" heraus. Es handelt sich dabei um einen Dokumentationsfilm über das alltägliche Leben einer Lolita. Natürlich ist der Kurzfilm nicht ganz ernst zu nehmen und spielt mit Vorurteilen und Klischees. Dabei ist er aber sehr, sehr gut und liebevoll gemacht und regte mich zum Nachdenken an. Dieses Thema beschäftig mich schon länger und ich möchte mit diesem Post meine Gedanken diesbezüglich etwas genauer darlegen, als ich es bisher getan habe. Denn es gibt sie wirklich: Lolitas, die ihre Mode voll und ganz leben. Ich und andere nennen sie mittlerweile schlicht weg: Lifestyle-Lolitas

Die holde Maid, die "pure" Lolita

Vor ein paar Wochen bin ich zudem auf einem meiner Lieblings-Lolitablogs auf den wirklich interessanten Artikel "The Pure Maiden: Lifestyle Lolita to the Extreme" gestossen. Caro Dee erzählt in diesem Artikel von der ursprünglichen Idee der Lifestyle-Lolita. Ihren Recherchen und eigenen Erfahrungen zufolge entwickelte sich der Begriff der "Pure Maiden" vor etwa zehn Jahren mit dem Aufkommen der Lolita-Mode. 

Anders als bei vielen heutigen Lifestyle-Lolitas, war die damalige Vorstellung einer "perfekten" Lolita nicht nur diejenige, wonach man so viel "Lolita" wie möglich in sein Leben zu bringen versucht, sondern es gab viel striktere Vorgaben, wonach eine Lolita gewisse Tätigkeiten tatsächlich vorzunehmen hatte und einen bestimmten Charakter aufweisen musste um eine "richtige" Lolita zu sein. Caro Dee zufolge ist es aber gar nicht so sicher, wie viele und ob es diese "holden Maiden" tatsächlich gab oder ob es sich dabei nicht bloss um eine Ideologie gehandelt hatte. 


Scan aus der "Gothic Lolita Bible"
Quelle: Tartan.jpg

In ihrem Artikel macht Caro Dee auch eine kleine Aufzählung von Aktivitäten und Eigenschaften, die eine "pure" Lolita ausmachen. Sie schreibt, dass diese Liste natürlich nicht ganz ernst zu nehmen sei, aber ich kann mir doch vorstellen, dass sich Lifestyle-Lolitas noch heute an einer ähnlichen Liste orientieren. In dieser Aufzählung stehen Aktivitäten wie z.B. "denkt, dass Tee, klassische Musik und ein Buch die perfekte Gesellschaft für einen Abend sind" oder "Liebt Puppen über alles. Sammelt sie und lässt sich von ihnen zu Outfits inspirieren." Und mein Liebling unter den Charaktereigenschaften: "Etwas sehr Mysteriöses und Fragiles umgibt sie stetig"

Tatsächlich finde ich die eine oder andere Eigenschaft an mir selber und nehme die eine oder andere Aktivität seit Jahren freudig vor. Ich erfülle aber sicher nicht die ganze Palette der nötigen Voraussetzungen um eine "pure" Lolita, eine richtige holde Maid, zu sein.
Die richtige "pure" Lolita brachte so viel Lolita wie nur irgend möglich in ihr Leben, ihr höchstes Ziel war es äusserlich einer Puppe gleich zu werden und charakterlich die Ideale einer vergangenen (aristokratischen) Zeit zu erfüllen. Der Begriff der Lifestyle-Lolita hat in den letzten zehn Jahren jedoch einen enormen Wandel durchgemacht und ist heute nicht mehr so leicht mit der Idee der Pure Maiden überein zu bringen. 


Novala Takemotos "Kamikaze Girls"

"Kamikaze Girls" (org. Shimotsuma Story–Yankee Girl & Lolita Girl) ist ein 2002 erschienener Roman des japanischen Schriftstellers Novala Takemoto. Dieser Roman erzählt die Geschichte der Lolita Momoko und der Motorrad-Liebhaberin Ichiko, die sich zufällig aufgrund einer Verkaufsannonce, die Momoko in einer Zeitschrift aufgegeben hatte um an mehr Geld für ihre geliebten Baby The Stars Shine Bright Lolita-Markenkleider zu kommen, kennen lernen. Die beiden so unterschiedlichen Persönlichkeiten werden zu guten Freundinnen, die am Ende alles füreinander riskieren würden. 
"Kamikaze Girls" ist eine wunderbare Geschichte über bedingungslose Freundschaft. Zugleich gilt der Roman als eines der Bücher, welches jede Lolita gelesen haben sollte. 


Kamikaze Girls - Verfilmung
Quelle: kamikazegrls.jpg

Spätestens mit diesem Buch und auch durch andere Aufsätze Takemotos wandelte sich der Begriff der Lifestyle-Lolita. Auch die Verfilmung des Romans und die Manga-Adaption haben sicher erheblich dazu beigetragen das Werk in Lolita-Kreisen noch bekannter zu machen. 

Momoko lebt nach ihren ganz eigenen Regeln, sie lebt ihrer Meinung nach "das Rokoko". Der Roman beginnt damit, dass sie ihre Lebenseinstellung erläutert. Diese unterscheidet sich insofern von der Pure Maiden, als dass Momoko sich als selbsternannte Prinzessin sieht und nur nach den sich selbst auferlegten Regeln lebt. Sie schwelgt zwar in Träumereinen von vergangen Zeiten und hat eine sehr romantisierte Vorstellung der vergangenen europäischen Rokoko-Ära, dennoch ist sie seine sehr autonome Persönlichkeit und lebt nicht dafür die charakterlichen Ideale vergangener Zeiten gänzlich zu erfüllen. Sie ist nicht ganz konsequent in ihrem Lolita-Dasein, allein deswegen weil ihre beste Freundin kein Lolita trägt und sich nicht im Mindesten für ihre Lolita-Hobbies interessiert. 
Das macht sie meiner Meinung nach jedoch sehr erfrischend und führt uns schon viel näher an die heutige Lifestyle-Lolita heran.

Die Lifestyle-Lolita 

Die heutige Lifestyle-Lolita würde ich nach etwas Recherche und eigener Erfahrung als ein/e Lolita-Modeträger/in bezeichnen, die möglichst viel Lolita in ihr alltägliches Leben zu bringen versucht. Ihr Motto ist einfach gesagt: "Hübsche dein Leben so gut als möglich auf!" 
Und mit "Aufwüschen" ist natürlich gemeint, dass sie möglichst alle Bereiche ihres Lebens mit dem Glitzer der Lolita-Ästhetik zu überziehen versucht. Es gibt Lolitas, die selbst im Schwimmbad Lolitas sind, einfach weil ihr Badeanzug und ihr Auftreten der Lolita-Ästehtik entsprechen.

So ähnlich würde es bei mir vielleicht aussehen, wenn ich eine Lifestyle-Lolita wäre ;)
Quelle: tumblr_n5o5rsjm521qmi9sbo1_1280.jpg

Die Lifestyle-Lolita unterscheidet sich jedoch meiner Meinung nach von der Pure Maiden, da nach heutiger Auffassung nicht unbedingt Charaktereigenschaften oder besondere Aktivitäten eine Lolita ausmachen. Ich denke schon, dass es viel mehr darum geht ganz einfach in jedem Lebensbereich die Lolita-Ästhetik, vorwiegend das Äussere also, einfliessen zu lassen und nicht sich von Grund auf nur "Lolita-Hobbies" zu suchen und seinen Charakter einem vergangenen Ideal anzupassen. 

Von der Lebenseinstellung Momokos in "Kamikaze Girls" unterscheidet sich die Lifestyle-Lolita meiner Meinung nach vor allem charakterlich. So wie es meiner Meinung nach relativ wenige wirklich autonome Menschen gibt, so gibt es auch wenige autonome Lolitas wie die Roman- und Filmfigur Momoko eine ist. Lifestyle-Lolitas leben nicht unbedingt nach eigenen Regeln. Sie passen sich wie die meisten Menschen ihrem Umfeld und der Gesellschaft in ihren Verhaltensweisen an.  

Trotz seines Spiels mit Klischees und Vorurteilen zeigt der Kurzfilm "The Secret Life Of The Lolita (Part I)" sehr gut, was ich mir unter einer typischen Lifestyle-Lolita vorstelle. Nämlich einen Menschen, der sich fast ausschliesslich mit dieser Mode beschäftigt, dessen ganzen Freunde aus der Lolita-Szene stammen und der sein Zimmer oder seine Wohnung einfach komplett nach der Lolita-Ästehtik einrichtet. So ein Mensch lebt Lolita alltäglich, surft aber trotzdem im Internet, hört elektronische Musik, geht vielleicht zu McDonald's und am Abend ins Kino. 


Blosse Freude an einer neuen Ästhetik oder Lebenseinstellung?

Als ich mich für Lolita-Mode zu interessieren begann, war für mich eines von Anfang an klar: Ich war nicht auf der Suche nach einer (neuen) Lebenseinstellung. Ich hatte mich zuvor schon einmal sehr stark für Gothic interessiert, aber in dieser Szene wurde ich nie heimisch, weil ich sie eben nicht als Lebenseinstellung betrachtete, sondern mich ganz einfach ihre Vorstellung von Ästhetik faszinierte (ich hatte schon immer einen Draht zum Abgründigen, zum Dunkeln. Dazu vielleicht ein anderes Mal). 

Ich lasse mir nur ungern Vorschriften darüber machen wie ich zu leben habe. Ich bin einfach nicht die Art von Mensch, die konsequent einen Lifestyle leben könnte, wie es manche Lolitas tun. Ich kann und will nicht in alle Bereiche meines Lebens Lolita-Ästhetik einfliessen lassen. In "Meine zitternde Seele" habe ich versucht darzulegen, weswegen ich nicht jeden Tag Lolita tragen will und kann. Aus den selben Gründen will ich auch nicht alles immer "aufhübschen". Ausserdem will ich mich keiner Ideologie unterwerfen. Ich will nicht Einrichtungsgegenstände kaufen müssen, nur weil sie der Lolita-Ästhetik entsprechen. 


Zimmer einer Sweet-Lolita
Quelle: room2.jpg

Ich bin also keine Lifestyle-Lolita und habe eigentlich auch nicht vor eine zu werden. Lolita ist für mich, wie ich es schon mehrmals in verschiedenen Posts betont habe, eine ganz spezielle Form der Ästhetik, die meinem Inneren eine Stimme nach Aussen verleiht. Auch wenn die Medien gerne das Gegenteil von uns Lolitas behaupten: Manche von uns leben diese Mode nicht voll und ganz, sondern betrachten sie als ein Hobby oder etwas Ähnliches. 

Ich bin keine Lifestyle-Lolita schon alleine deswegen, weil ich mir nicht vorstellen kann, wie man sein eigenes Inneres zu einer Lebenseinstellung machen kann. Geht es bei Lebenseinstellungen nicht gerade darum sein Inneres nach anderen, äusseren Faktoren zu richten? 

Das ist es vielleicht auch, was mich Novala Takemotos Momoko so sehr lieben lässt: Sie ist autonom. Sie beginnt Lolita zu tragen, weil sie sich innerlich nach Lolita, nach "Rokoko" fühlt und nicht, weil ihr die Regeln dieser Mode eine Möglichkeit geben ihr Inneres an etwas aufzuhängen um es nach Aussen hin präsentieren zu können. 

Das soll nicht als eine allgemeine Kritik an Lifestyle-Lolitas gewertet werden. Ich habe in "Meine zitternde Seele" geschrieben, dass ich sehr wohl verstehe, dass Lolita ein Schutz sein kann oder, dass jemand einfach unbedingt danach leben möchte. Manche Menschen wollen sich nach einer Lebenseinstellung richten und das ist auch vollkommen in Ordnung. Ausserdem tue ich das ja eigentlich auch, wenn ich "Alltags-Kleidung" trage um mich vor den anderen zu "schützen" und die Regeln unserer Gesellschaft akzeptiere um nicht negativ aufzufallen. 

Vielleicht kann ich damit schliessen, dass ich der Meinung bin, dass wir alle unsere Masken tragen. Manche suchen sich eine "eigene" Lebenseinstellung aus, andere passen sich dem Umfeld an.
Wer wir tatsächlich, ganz tief in unserem Innersten, sind, zeigen wir den Wenigsten. 
Und auch uns selbst viel zu selten. 

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2 Kommentare

  1. Interessantes Thema!
    Ich persönlich bezeichne mich schon als Lifestyle-Lolita, aber ich seh das nicht als eine 'ganz oder gar nicht' Sache.
    Seit mir dieser Kleidungsstil gefällt, gefällt mir zum Beispiel auch ein dazu passender Einrichtungsstil, Süßigkeiten und Kuchen mochte ich schon immer, dafür sind Tee und Handarbeiten überhaupt nicht meins. XD

    Ich hab gerade drüber nachgedacht, wie das bei anderen Hobbies ist, die irgendwie 'mehr als nur ein Hobby' sind.
    Etwas, das mir auch sehr viel bedeutet, und neben Lolita einen großen Teil meiner Freizeit definiert, sind Videospiele. Ich glaube, auf die Frage, ob das auch ein gewisser Lebensstil ist, würde ich ohne zu zögern Ja sagen.

    Vielleicht ist das auch eine Definitionssache, aber ich glaube, der eigene Lebensstil jeder einzelnen Person setzt sich sowieso aus vielen verschiedenen Dingen zusammen, somit ist auch ein Lolita-Lifestyle immer individuell geprägt und nicht ein Schema F, das man zu einem gewissen Teil 'erfüllen' muss.
    Diese übertriebene Konsequenz, 'vollkommene holde Maid' und so, lässt sich ja auch nur mit den wenigsten Berufen vereinbaren, und wenn Lolitas kein Geld verdienen würden, gäbe es sie und auch die Brands wohl bald nicht mehr. XD

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    1. Das finde ich natürlich wunderbar, dass gleich eine Lolita kommentiert, die sich auch teilweise als Lifestyle-Lolita sieht.
      Ich stimme dir absolut zu, dass diese übertriebene Konsequenz, welche die Pure Maiden verlangt einfach nicht zu erfüllen ist. Irgendwoher muss man ja das Geld nehmen für so viel dekadenten Lebensstil. Und überhaupt bin ich der Meinung, dass Menschen, die sich dazu entschliessen völlig konsequent zu sein als Wortbrüchige oder Selbstmörder enden. Die allerwenigsten sind immer konsequent.

      Vielleicht kommt es in dem Post so rüber, als ob ich den heutigen Lifestyle-Lolitas eine solche Konsequenz unterstellen würde. Das wollte ich aber nicht. Die sehe ich schon eher in der Ideologie von der Pure Maiden.

      Vielleicht werde ich dieses Thema demnächst nochmals aufgreifen. Ich sehe es mehr so, dass heutige Lifestyle-Lolitas einfach sehr dieses Schönheitsideal in den meisten Bereichen ihres Lebens ausleben (was meiner Ansicht nach nichts Falsches ist).

      Nun, wir sind ja eigentlich im Endeffekt alle ein Konstrukt verschiedener Ideen, Texte, Erziehung, Kultur. Ich stimme dir insofern zu, dass sich jeder Lebensstil im Endeffekt aus verschiedenen Faktoren zusammensetzt. Was mich nur so schockiert ist, dass das sehr viele Menschen überhaupt nicht erkennen.

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