And It Goes By The Name Of London

8.3.15

oder London, Tag 3




Am letzten Morgen unseres Besuchs in London wachte ich gegen neun Uhr auf, weil mir durch einen Spalt der zugezogenen Vorhänge Sonnenlicht ins Gesicht fiel. Ich sprang aus dem Bett und riss die Vorhänge auf: Strahlender Sonnenschein! In der Nacht oder noch kurz zuvor am Morgen musste es geregnet haben, denn die Strasse unter uns war nass und Regentropfen lagen auf der Fensterscheibe und funkelten im Licht. Sonnenschein in London ist ein Geschenk und ich wollte aus dem Hotel stürmen und jede Sekunde davon geniessen. 

Meinem Monsieur ging es an diesem Morgen aber wirklich schlecht. Er hatte wohl auch ein bisschen Fieber. Also beschlossen wir, dass er noch eine Weile im Bett bleiben würde, während ich alleine raus gehen würde um noch einmal zur Oxford Street zu fahren. Ich wollte dort unbedingt noch einen Einkauf erledigen. 

Also stöpselte ich mir etwas von meiner Lieblingsmusik in die Ohren um den Verkehrslärm ein bisschen auszublenden und ging los. 
Es war ein wunderschöner Morgen. Obwohl es unter der Woche war und ich nach der Rushhour losgegangen war, waren überall ein paar Leute unterwegs. Ich musste immer wieder blinzeln, weil mich die Sonne nach dem Regen und dem Grau der letzten zwei Tage blendete. Die Oxford Street war an diesem Morgen sehr ruhig. Während ich sie entlang ging, überkam mich auf einmal eine seltsame Traurigkeit. Die Menschen hasteten an mir vorbei, ich blieb vor einem Schaufenster stehen und sah wie sich mein Gesicht darin spiegelte. 

London ist dynamisch, London ist riesig, London hat immer etwas zu feiern, London lebt scheinbar immer; laut, schrill, in ständigem Wandel. Im Alpenländchen gibt es so etwas nicht wirklich. Unsere Städte sind ruhig, verschlafen, des Abends kaum ein Auto auf der Strasse. Manchmal fehlt mir dort wo ich herkomme die Dynamik, der Wandel, die Kreativität,  das Lebendige.

Aber in diesem Moment machte mich auch London bei all seiner Schönheit, bei all seinem Leben so unsagbar traurig. Mir wurde klar, dass ich zwischen sieben Millionen anderen Menschen stand. Es gibt den einen oder anderen Menschen, von dem ich mir sicher bin, dass ich ihn in einer Stadt wie London ständig verpassen würde. Mir war wieder klar, was mir schon damals in Cambridge klar gewesen war: Ich nenne das Alpenländchen nicht aus einer Laune heraus mein Zuhause. Vielleicht bin ich dort "Zuhause", weil dort die anderen Menschen sind, die ich liebe. Für mich gibt es auf diesem Planenten kein Zuhause. Zuhause ist kein Ort. Ich sehne mich immerzu nach Hause. Immer. Ich sehnte mich auch in diesem Moment nach Hause, deswegen war ich so traurig. Ich werde immer Fernweh haben und ich werde immer Heimweh haben. Mir war ganz einfach klar, dass auch London das nicht ändern konnte.




Aber eigentlich machte mich der Gedanke dann doch nicht so trübselig wie sich das jetzt vielleicht anhört. Es war ein so schöner Morgen! Ich lächelte in das Schaufenster. Ohne weiter zu gehen würde ich ja sowieso nirgendwo hin kommen. 

In der Oxford Street wollte ich unbedingt den Disney Store besuchen. Er ist so hübsch anzuschauen und ich war schon länger auf der Suche nach einem bestimmten Plüschtier. Nicht, dass ich Plüschtiere sammeln würde (als Bibliomane brauche ich den Platz anderweitig…), aber ich liebe Disney's Zeichentrickfilmadaption von Alice in Wonderland und wollte schon seit längerem das Grinsekatze-Plüschtier haben. Ich wurde dann auch tatsächlich fündig und fand den Laden auch sonst bezaubernd. 




Nach meinem Besuch im Disney-Paradies schlenderte ich noch ein bisschen die Strasse entlang und schaute in die Länden rein, deren Schaufenster mich ansprachen. Schliesslich hatte ich genug und machte mich auf den Weg zurück zum Hotel um nach meinem kranken Monsieur zu schauen. Ich brachte ihm Frühstück mit und nachdem er gegessen hatte, ging es im dank einer Menge Paracetamol soweit besser, dass wir gemeinsam losziehen konnten um uns im Stadtteil Temple ein wenig umschauen zu gehen. 




Temple ist das ehemalige Ordensgebiet des Templerordens in London (ein solches gab es z.B. auch in Paris). Von diesem stammen auch die Gebäudekomplexe und man kann sich noch heute die Temple Church ansehen. Als der Orden 1315 aufgelöst wurde, fiel das Gebiet an den König und weltliche Rechtsgelehrte teilten das Gebiet in zwei Anwaltsschulen und -kammern: Den Inner Temple und den Middle Temple




Als studiosus iuris und gerade weil ich Rechtsgeschichte und auch die Geschichte der Templer sehr interessant finde, wollte ich mir diesen Stadtteil dieses Mal unbedingt anschauen. Ich war dann auch nicht enttäuscht. Temple hat sein ganz eigenes Flair und es erstaunte mich überhaupt nicht mehr, dass dieser Stadtteil gerne als Filmkulisse (z.B. in DaVinci Code) verwendet wird. 




In Temple, gleich gegenüber des Royal Courts of Justice liegt dann auch der Twinings Stammladen. Mein Monsieur und ich lieben Tee. Fast so sehr wie Sushi und ganz besonders im Winter! Natürlich besuchten wir den Laden und kauften eine Menge ein. Dabei musste ich lächeln, weil mir mein Gastvater in Cambridge einfiel, der mir einmal während einer meiner kleinen Krisen eine Tasse Twinings Schwarztee gemacht hatte und mir die Tasse mit den Worten "Come on Lea! It's gonna be alright. Everything's better with a nice cup of tea." überreicht hatte. 




Leider regnete es schon wieder als wir aus dem Teeladen kamen und wir beschlossen daher zum Trafalgar Square zu fahren und dort etwas Zeit in der National Gallery zu verbringen. 




In der National Gallery kann man ja wirklich Tage verbringen. Natürlich war ich hin und weg von den Impressionisten wie z.B. Monet, von welchem mehrere Werke ausgestellt waren. Mein Monsieur mag ja die alten Meister lieber, aber auch da kommt man in der National Gallery nicht zu kurz. Da es ein sehr verregneter Nachmittag war, waren ziemlich viele Leute im Museum und es wurde in manchen Räumen etwas eng und warm. Dennoch war es sehr nett. Ich bevorzuge eigentlich kleinere Museen und Ausstellungen, weil es mich irgendwie immer stresst, dass ich in so riesigen Sammlungen wie dieser niemals alles werden sehen können. Aber die National Gallery ist eigentlich sehr übersichtlich eingeteilt und man kann bei einem Besuch problemlos Schwerpunkte setzen. 




Nach dem Museumsbesuch war es dann Zeit für einen Nachmittagstee. Ein Besuch in England ohne Scones geht bei mir nämlich gar nicht! Wir sind aber ziemlich lange umhergeirrt auf der Suche nach einem netten Lokal, das nicht nur High Tea sondern auch blosses Cream Tea im Angebot hatte. 
Falls jemand von meinen Lesern ein paar gute Adressen in London kennt, wo man zu einigermassen vernünftigem Preis die verschiedenen Arten von Afternoon Tea geniessen kann, wäre ich dankbar um ein paar Tipps. Irgendwie fand ich es damals in Cambridge viel, viel einfach ein gutes Lokal für Afternoon Tea zu finden. 

Nach dem Tee machten wir dann auch nicht mehr viel Spektakuläres. Wir packten unsere Koffer, gingen zu Abend essen und dann war es auch schon Zeit ins Alpenländchen zurück zu fliegen. 
Ich war auch dieses Mal wieder ein bisschen traurig England zu verlassen. Aber wie ich schon gesagt habe, ist das bei mir nun einmal so: Ich werde immer Fernweh haben. Ich werde immer Heimweh haben. Ich werde mich immer sehnen. 

"I have sailed the world, beheld its wonders
From the Dardenells, to the mountains of Peru
But there's no place like London!"

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