Das Visier hochgeklappt

9.3.15



"Und Sie ziehen diese Kleider dann nur zu diesen Treffen an?", er sah mich an, scheinbar völlig erstaunt. 
"Ja, eigentlich schon", ich nickte. 
"Ja, aber… nicht einmal zu Hause?" 
"Nein, meistens nicht." 
"Also, das würde mir persönlich ja niemals genügen", er strich sich mit der linken Hand übers Kinn, warf einen verwirrten Blick an die Decke, "Das ist ja dann nur in Ihrem Kopf. Eine Idee, Sie führen das dann fast gar nicht konkret aus." 
Ich neigte den Kopf nach links und sah auf die Kaffeetasse vor mir auf dem Tisch. Dann nickte ich.
"Jaah, ich muss zugeben, dass sich ein Grossteil der Lolita-Mode im Kopf abspielt. Aber ich verstehe nicht, warum das schlecht oder falsch sein soll. Wir Lolitas vernetzen uns über das Internet, wir bestellen unsere Kleidung im Internet, wir suchen Inspiration im Internet und manche von uns nähen selber, was auch eine Idee voraussetzt, die zuerst im Kopf reifen muss, bevor sie konkretisiert werden kann. Und im Internet bleibt es halt zwangsläufig auf einer abstrakter Ebene."
"Ich sage nicht, dass das falsch ist", er schüttelte den Kopf, "Mir würde das nur niemals genügen. Wieso ziehen Sie das nie an um in die Universität zu gehen? Das wäre doch toll."
Dann lachte er laut heraus:
"Aber vielleicht bin ich einfach furchtbar manisch veranlagt."

Ich lächelte. Ich erklärte ihm, was ich auch hier schon mehrmals erklärt habe: Dass Lolita für mich seine ganz eigene Ästhetik hat, dass Lolita für mich etwas Magisches ist und, dass ich diese Magie nicht immerzu an den Alltag verschwenden möchte. Eigentlich verriet ich ihm schon damals, was ich erst Monate später mit "Meine zitternde Seele" in Worte zu fassen versuchte: Dass ich Lolita-Mode nicht jeden Tag trage, weil ich nicht stark genug dafür bin. Er hatte ja keine Ahnung wie nahe er meiner zitternden Seele gekommen war. 

Ich weiss nicht einmal mehr genau wie lange dieses Gespräch eigentlich schon her ist. Es fühlt sich wie eine halbe Ewigkeit an. Dennoch habe ich noch öfters daran gedacht. Reicht es mir wirklich Lolita nur für Lolita-Treffen zu tragen? Ist es wirklich so, dass ich nicht stark genug bin meine zitternde Seele etwas öfter zu zeigen? Vor ein paar Wochen beschloss ich einen Versuch zu wagen. 




Es war ein wunderschöner Montag, der Himmel war blau und auf den Feldern lag glitzernd der Schnee. Ich hatte mich mit einem Freund aus Gymnasium-Zeiten in Bern verabredet und beschloss für diesen Anlass zum ersten Mal Lolita im Alltag zu tragen.

Das Jahr war noch ziemlich frisch. Zu Neujahr nehmen sich die Leute ja immer alles Mögliche vor. Ich mache das eher selten. Einfach weil Vorsätze diese Konsequenz verlangen, die ich sowieso nicht an den Tag legen kann. Stattdessen beschliesse ich ab und an etwas Neues auszuprobieren. Anfang dieses Jahres sprach ich einmal mit Mara über Vorsätze und sie erzählte mir, dass sie sich vorgenommen hatte positiver zu sein, vor allem ihrem Körper gegenüber. Ganz einfach, weil unser Selbstbild stark von äusseren Einflüssen (Modeindustrie, patriarchisches Gesellschaftsverständnis, etc.) geprägt wird. 

Das gefiel mir sehr gut und ich beschloss, ohne einen richtigen Vorsatz daraus zu machen, etwas Ähnliches: Ich werde mir nicht mehr diktieren lassen wie ich auszusehen habe. 
Dabei geht es mir weniger um die Modeindustrie oder die Gesellschaft an sich, als vielmehr um meine Umgebung: Nur weil hier wo ich lebe sich alle einander anpassen und völlig uniformiert in Grautönen mit den immer selben Sneakers und Louis Vuitton Taschen herumlaufen, muss ich das nicht mitmachen. Ihre Ästhetik ist nicht meine Ästhetik. Das hat nichts damit zu tun, dass ich unbedingt etwas Besonderes sein möchte oder mich um jeden Preis abheben will. Es gibt viele Sachen, die die Modeindustrie hervorbringt, die mir sehr gut gefallen und die übernehme ich auch ohne zu zögern. 




Es geht darum, dass ich mir nicht mehr überlegen will ob das was ich trage "geht". Versteht mich nicht falsch: Ich habe nicht vor in Jogging-Hosen in fünf Sterne Restaurants zu speisen oder halb nackt in der Universität zu sitzen. Ich habe auch nicht vor jeden Tag in vollem Lolita-Outfit herumzulaufen. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass ich keine Lifestyle-Lolita werden möchte. Aber wenn ich etwas schön finde und der Meinung bin, dass ich es tragen kann, werde ich mir fortan nicht mehr überlegen, was meine Umgebung davon halten könnte. Ich trage die Sachen ja weil sie mir gefallen und nicht um die zu überzeugen. Ich will ihre Uniformität, die mir immer mehr auffällt, einfach nicht die ganze Zeit mitmachen. Ich verstehe, dass es manchmal notwendig ist sich anzupassen. Aber in diesem Momenten entscheide ich aus mir heraus selber, dass ich mich anpassen möchte. 

Ich muss zugeben, dass das nicht einfach ist. Es ist nicht einfach sich von äusseren Einflüssen völlig abzukapseln, sich gar nicht um die anderen zu kümmern. Es ist schwer sich auf sich selbst zu konzentrieren und man möchte ja auch nicht in Egoismus oder Egozentrik und einer Persönlichkeitsstörung enden. Aber ich denke, dass wir alle versuchen sollten ab und an Dinge zu tun, einfach nur weil wir sie tun wollen. Wir sollten uns wirklich nicht hinter einem Gartenzaun verstecken, wo hinter dem Törchen doch so wunderschöne, tiefe Wälder zu ergründen liegen.




Es war dann auch ein toller Nachmittag in Bern. Da es bitterkalt war und ich meinen Mantel trug, war sowieso nicht sehr viel von meinem Outfit zu sehen, was mir die Fragen, die Passanten zumal stellen, ersparte. Mir fiel auch auf, dass meine Art Lolita zu tragen eigentlich gar nicht so auffällig ist. Ich mag ja sowieso schlichte Outfits, die vielmehr mit Farbkontrasten als mit üppigem Kopfschmuck und anderem arbeiten. Vielleicht schaffe ich es in nächster Zeit etwas öfter Casual Lolita zu tragen. 
Der Petticoat kam mir allerdings schon ab und zu in die Quere. Wenn ich also sage, dass ich ihn etwas unpraktisch finde, so ist das wirklich nicht gelogen. Und Lolita ist für mich halt nicht wirklich Lolita ohne den Petti. 

Warum ich mir ausgerechnet diese Verabredung mit einem Schulfreund dafür ausgesucht habe das erste Mal Lolita ausserhalb eines Lolita-Treffens zu tragen? Ganz einfach weil ich vor ihm keine Angst hatte meine zitternde Seele hervorlugen zu lassen. Ich kenne ihn lange genug um zu wissen, dass er mich sicher nicht einfach meiner Kleidung wegen angegriffen hätte. 
Es ist einfacher die Rüstung vor denjenigen fallen zu lassen, denen man vertraut. Es ist einfacher das eiserne Visier hochzuklappen um in die Augen eines Freundes zu sehen. 
Fremden gegenüber kostet es mich mehr Mut. Deswegen fange ich bei denjenigen an, denen ich vertraue. Dabei half es natürlich, dass mein Schulfreund sehr kreativ ist und sich genauso für Kunst, Philosophie und viele andere Dinge, die mich beschäftigen, begeistert. 
Er hat übrigens die Fotos von mir geschossen! 




"Aber wirklich, so etwas ist doch wunderbar. Die Leute sollten viel mehr solche Sachen machen. Sie sollten das vielleicht wirklich öfter tragen", sagte er nachdenklich während er aus dem Fenster hinaus in den mit grauen Wolken verhangenen Himmel über der Stadt schaute.

Wer weiss, vielleicht schaffe ich das. Vielleicht schaffe ich es das Visier etwas öfter hochzuklappen. Ich wünschte nämlich, wir würden das alle viel öfter tun. Ich wünschte, wir würde viel öfter unseren Seelen erlauben sich zu zeigen, in all ihrer Pracht, in all ihrer Qual. Wir sollten uns über unsere Gartenzäune schwingen und in den Wald laufen. Nackt, die Rüstung im Haus vergessend. 

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