Abschied von der Welt

17.1.16

oder Lolita-Mode und der ihr innewohnende Eskapismus


Geständnis einer Eskapistin 



“This is who I am
Escapist, paradise seeker
Farewell now time to fly
Out of sight, out of time,
away from all lies”

- Nightwish, The Escapist


Der Begriff „Eskapismus“ hat sich wie sein Englischer Bruder „escapism“ über das Altfranzösische échapper  in unserer Sprache etabliert und bezeichnet die Realitätsflucht, Wirklichkeitsflucht oder Weltflucht.

Zum ersten Mal mit dem Begriff konfrontiert wurde ich im Alter von etwa fünfzehn Jahren, als ich mir das Lied The Escapist der finnischen Symphonic-Metal-Band Nightwish anhörte. Im Interview „Maan Mainiot“ mit deren Songwriter und Keyboarder Tuomas Holopainen wird auch auf dieses Thema eingegangen. Tuomas sitzt dabei in seinem Kinderzimmer, dass über und über voll ist mit Fantasy- und Disney-Fanartikeln. Er bezeichnet sich selbst als „Eskapisten“, als Menschen, der sich immer und immer wieder in seine eigene Traumwelt zurückzieht.

Noch heute gehört Nightwish zu meinen Lieblingsbands und ihr The Escapist zu einem meiner Lieblingssongs. Ich kann es nicht hören, ohne wieder dieses Klingeln in mir zu spüren, dieses Wissen, dass ich irgendwie auch so bin – eine kleine Eskapistin.




Wikipedia erzählt uns, dass es sich bei der Realitätsflucht um eine Flucht aus der realen Welt zugunsten einer Scheinwelt handelt. „Eskapismus“ ist vor allem negativ behaftet. Die Realitätsflucht wird als Verweigerung von gesellschaftlichen Konventionen und Zielsetzungen verstanden, Eskapisten werden als „Träumer“ und „Verwirrte Schwärmer“ bezeichnet.  

Besonders der Kunst wurde immer wieder vorgeworfen ein Mittel für diese unerwünschte Realitätsflucht zu sein. Der Begriff des Eskapismus wurde vor allem auf die Kunst der Romantik angewendet. Ich glaube nicht, dass ich euch erzählen muss, dass die Romantik neben dem Impressionismus meine Lieblingsepoche ist.

In der Psychologie wird der Eskapismus als eine häufige Folge von persönlichkeits- oder sozialkulturell bedingter Frustration verstanden. Er entsteht, wenn ein Betroffener bei fiktiven Handlungsabläufen vermehrt aktiv agiert, also z.B. mit Medienfiguren spricht oder sich eine Kommunikation einbildet und somit Abstand zu seiner eigenen Realität schafft. Es gibt Betroffene, die nicht mehr in die eigene Realität zurückkehren möchten oder können. Schlimmstenfalls fokussieren sich Betroffene nur noch auf die Probleme ihrer fiktiven Realität.

In der Medienpsychologie ist der Eskapismus ein zentrales Motiv zur Mediennutzung – man zieht die Medien zur Befriedigung affektiver Bedürfnisse heran. Diesen Ansatz verfolgte wohl auch J.R.R. Tolkien in seinem 1939 gehaltenen Vortrag „On Fairytales“, in welchem er die Grundzüge des Fantasy-Genres beschrieb und es vehement gegen den Vorwurf des Eskapismus verteidigte: “Why should a man be scorned if, finding himself in prison, he tries to get out and go home? Or if, when he cannot do so, he thinks and talks about other topics than jailers and prison-walls?”

Eskapismus muss also nicht nur in einem Realitätsverlust enden, sondern kann auch eine Alltagsbewältigung darstellen. Tolkien drückte immer wieder seine Unzufriedenheit mit der modernen Welt aus, seine Werke jedoch, betrachtet man z.B. „Der Herr der Ringe“ etwas eingehender, beschäftigen sich durchaus mit realen Problematiken. Beachtet man dies, ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass gerade die Romantik derart viele Werke hervorbrachte, denen der Eskapismus vorgeworfen wird – tobten doch zu jener Zeit die Napoleonischen Kriege in ganz Europa.

Wieso brachte Nightwishs „The Escapist“ etwas in mir zum Singen? Ganz einfach weil ich eine Eskapistin bin. Ja, ich suche ständig nach Büchern, nach Filmen und nach Musik, die mich für sich einnehmen. Und ich kann das auch ganz ohne die Hilfe von Medien: Ich kann die Augen schliessen und weit, weit weg gehen, an einen anderen Ort. Allerdings hatte ich nie ein Problem damit zurück zu kehren. Ich schaffe den Wechseln in Sekundenbruchteilen.


Lolita-Mode und der ihr innewohnende Eskapismus



“A nightingale in a golden cage
That's me locked inside reality's maze
Come someone make my heavy heart light
Come undone and bring me back to life
It all starts with a lullaby”

- Nightwish, The Escapist


Nun, gut. Ich bin eine Eskapistin. Und ich schäme mich dessen nicht. Worauf will ich nun aber hinaus und was hat das mit Lolita-Mode zu tun?

„Es ist aber schon eine Flucht aus der Realität, oder?“, fragte er mich. Ich sass ihm gegenüber, die Beine überschlagen. Ich beugte mich leicht vor, nahm meine Tasse Kaffee vom Holztisch zwischen uns und trank einen Schluck.
Ich stellte die Tasse zurück, blickte an die Decke und antwortete:
„Ja, eigentlich schon. Es ist eine Flucht aus der Realität. Aber ist das denn schlecht?“
„Nun, ja...“
„Ich trage Lolita. Andere Menschen spielen ein Instrument, machen Gartenarbeit, schauen sich Pornos an... Du liest Bücher. Sind nicht die meisten Hobbies oder Tätigkeiten, denen man aus Spass und Leidenschaft nachgeht, eine Art Flucht vor der Realität?“

Er war damit selbstverständlich nicht der Einzige. Diese Frage ist mir schon mehrfach gestellt worden. Und ich habe schon öfters von Leuten gehört, die sich Sorgen machen, dass Lolita-Mode ihre Träger und Trägerinnen in der Realitätsflucht bestärkt. Es gibt durchaus Menschen, die der Lolita-Mode den Eskapismus in negativer Weise vorwerfen und glauben, dass ihre Träger/innen einen Realitätsverlust erlitten haben.
Ich bin jedoch der Meinung, dass Lolita-Mode nicht gefährlicher ist als ein Harry Potter Roman oder ein Science Fiction Film wie Star Wars. Es ist nicht einmal gefährlicher als Tennisspielen oder Fotografieren.

Die Lolitas, die ich kenne sind eigentlich allesamt Menschen, die ihren Platz in der Gesellschaft kennen. Ganz normale Menschen, die zur Arbeit gehen oder studieren. Gleichzeitig sind sie aber auch kritische und nachdenkliche Menschen. Wer glaubt, dass wir auf Lolita-Treffen nichts weiter tun als gegenseitig unsere Kleidung zu bewundern und über Rüschen zu reden, liegt damit falsch. Was ich an der Lolita-Szene so sehr schätze, ist, dass die Leute in aller Regel sehr gebildet sind und sich für die unterschiedlichsten Dinge interessieren.
Es kann sogar vorkommen, dass wir in unseren Röcken und all der Spitze dasitzen und über Politik reden. Wir flüchten uns nicht konstant in eine Scheinwelt. Schon deswegen nicht, weil Lolita-Mode ein Modestil ist. In der Mode geht es darum sich selbst und nicht irgendeinen erfundenen Charakter zu kleiden. Wir verkleiden uns nicht. Die meisten von uns drücken sich nur selber aus.

Wie viel Eskapismus steckt also wirklich in Lolita? Ich denke ganz einfach genau so viel, wie eine Trägerin ihm verleihen möchte.
Menschen, die von Natur aus einen Hang dazu haben gänzlich vor der Realität zu flüchten, werden Lolita-Mode vielleicht eher als einen Schutz betrachten und sich darin einigeln.
Menschen, die ab und an die Augen schliessen und an einen zauberhaften Ort entschwinden, werden in der Lolita-Mode vielleicht einen Weg finden ihrer Seele eine Stimme zu verleihen.
Und Menschen, die mit beiden Füssen fest auf dem Boden stehen, werden Lolita-Mode vielleicht einfach deswegen tragen, weil sie es hübsch finden.


Glitzerstaub gegen den Schmerz



“Journey homeward bound
A sound of a dolphin calling
Tearing off the mask of man
The Tower my sole guide”

- Nightwish, The Escapist


Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Vielleicht erinnert ihr euch an meinen Post  Meine zitternde Seele”, in dem ich beschrieben habe, dass Lolita-Mode für mich eine Möglichkeit darstellt meinem Inneren Ausdruck zu verleihen. Wenn ich die Augen schliesse und weit, weit weggehe, dann finde ich einen Ort in meinem Inneren - dann tanze ich in meinen Träumen. Meine Seele und mein Hang zum Eskapismus sind irgendwie miteinander verbunden.

Wieso trage ich Lolita-Mode? Weshalb lese ich so gerne? Weshalb machen manche Menschen Gartenarbeit? Warum musizieren und malen und spazieren wir? Weshalb unterscheidet J.R.R. Tolkien in „On Fairytales“ zwischen der Flucht des Deserteurs (der nichts als ein Feigling ist) und der Flucht des Gefangenen (dessen Flucht Tolkien als eine Form des politischen Widerstandes wertet)?

In „What I Talk About When I Talk About Running“ schreibt der japanische Schriftstelle Haruki Murakami (ich liebe, liebe sein „Kafka am Strand“ – wer Franz Kafka liebt, sollte einmal Murakami eine Chance geben): „Pain is inevitable. Suffering is optional.“ 
Vielleicht ist es genau das, worauf ich hinaus will: Der Schmerz ist überall. Wir können dem Schmerz nicht entkommen. Aber wir haben die Möglichkeit den Schmerz zu betäuben und uns dem Leiden für eine Weile zu entziehen.
Das ist es dann vielleicht auch, was die Kunst (und damit meine ich alle ihre Bereiche von der Musik bis hin zur Literatur) tut: Sie erschafft die Schönheit um den Schmerz zu betäuben. Denn sind wir ehrlich – nur Schönes vermag es, uns ein bisschen Trost zu spenden.




Vielleicht bin ich also deswegen eine Eskapistin und eine Lolita: Weil ich entschieden habe, dass Leiden und Verzweiflung keine Optionen sind. Der Schmerz wohnt in uns allen, er umgibt uns, er ist allmächtig. Der Schmerz macht uns aus. 
Aber unsere Seelen, oh unsere Seelen! Manche sind ganz zart und ängstlich und man bekommt sie kaum je zu Gesicht. Andere sind gross und gewaltig und verändern die Welt.
Und die eine oder andere erkannte, als sie im dichtesten Nebel verloren zu gehen schien, dass ein Traum sie zu retten vermochte – der Traum von ihrer eigenen, einmaligen, unglaublichen Schönheit: Glasklar und schimmernd wie der Sternenhimmel, Licht und Dunkelheit in einem.
Ihre Träume sind so gewaltig, sie kann sich gar erträumen wie es wäre, wenn es den Schmerz nicht gäbe. Der Schmerz ist immer und überall, aber die Musik unserer Seelen lässt ihn ab und an leiser werden und wir tanzen zu ihr im Glitzerstaub.

Ich verteidige den Eskapismus und bin deswegen so glücklich darüber, dass es Menschen wie J.R.R. Tolkien gab und geben wird, weil sie sich ihre Leidenschaft nicht nehmen liessen und weil sie nie das Träumen aufgaben. Sind wir noch Menschen, wenn wir aufhören zu träumen?
Ich möchte damit nicht die Gefahren verkennen, die sich für jemanden zeigen, der einen Realitätsverlust erleidet – Eskapismus kann wie alles eine hässliche Form annehmen, wenn es im Übermass genossen wird.

Die Lolita-Mode wie ich sie verstehe und trage, ist aber meines Erachtens weit von diesem Realitätsverlust entfernt. Sie ist nur ein Fenster, aus dem meine Seele ab und an herausblickt und sich an der wunderschönen Landschaft erfreut. Sie ist ein Fenster, das meine Seele zum Weinen und Strahlen bringt. Denn der Schmerz ist überall, aber aus ihm werden die allergrössten Schönheiten geboren.


Und sie tanzt im Glitzerstaub, tanzt und tanzt um dem Nebel keine Chance zu geben.

Magst du vielleicht auch

0 Kommentare