Selfie Mania

2.1.16

Das Selbstportrait


„Selfie“ als Bezeichnung für ein Selbstportrait, das oft auf Armeslänge mit der eigenen Hand aufgenommen wird, tauchte erstmals etwa 2002 in einem Internet-Forum auf. 2012 führt das Time Magazin die Bezeichnung unter den Top 10 der Schlagworte des Jahres auf. Social Media wie Facebook, Instagram oder Snapchat machten das Selbstportrait populär.

Tatsächlich handelt es sich dabei jedoch nicht um eine neue Erscheinung. Man denke nur an die Selbstbildnisse, die Künstler wie Van Gogh, Rembrandt, Renoir oder Dürrer malten. Eines der ersten fotografischen Selbstportraits datiert sodann von 1900. Damals wurden die Selbstbildnisse mit Hilfe von Spiegeln oder der Stabilisierung der Kamera auf einem Stativ oder einem anderen Objekt aufgenommen.

Quelle: Wikipedia

Seit der Erfindung der Frontkamera, also seit etwa 2010, geht das aber viel einfacher – einfach den Display vors Gesicht halten und dann abdrücken. Kein Wunder, hat das fotografische Selbstportrait eine derartige Popularität erreicht – wenn etwas so einfach geht, tut es jeder. Die Technik hat uns die Möglichkeit gegeben abzudrücken und uns selbst im Bruchteil einiger Sekunden mit der Welt zu teilen.

#selfie und der psychologische Selbstbefund


Mein Iphone behauptet, dass ich seit November 2014 um die 200 Selfies geschossen habe – mit eingerechnet werden die Bilder, die ich gemeinsam mit Freunden, sogenannte „Gruppen-Selfies“ oder „usies“, aufgenommen habe. Ja, ich fotografiere mich selber. Genau wie Promis, Politiker, die Nachbarskinder und die Mitvierzigerin, die sich gerade ein Facebook-Account eingerichtet hat.

Aber was verrät das fotografische Selbstportrait eigentlich über uns?
Verschiedene psychologische Studien haben sich mit diesem Phänomen beschäftigt und sie kommen zum Schluss, dass es um Narzissmus geht – „Ich knipse, also bin ich“. Es soll immer mehr Narzissten geben: Menschen, die sich selber toll finden und das so oft wie möglich zeigen. Social Media bieten dafür natürlich eine geeignete Plattform, die sich schnell und leicht verwenden lässt.

Andere Stimmen behaupten, dass es um Kontrolle geht: Man hat es selber in der Hand, was man wann postet. Besonders interessant fand ich eine Studie, wonach es sich um ein Suchtverhalten handelt:  Die Likes und Comments, die man für ein geteiltes Bild erhält, wirken wie ein Rauschmittel – das gilt dann aber für alle auf Social Media geteilten Inhalte und nicht nur für die Selfies.
Je jünger die Leute, desto mehr Selfies posten sie. So gesehen dienen Selfies der Identifizierung und der Akzeptanz: je mehr Likes, desto sicherer sind sich die Teenager, dass sie annehmbar aussehen.

Erstes Selfie 2010, aufgenommen
mit Spiegelreflexkamera

Ich habe in den Tiefen meines Datenfriedhofs gegraben und mein allererstes Selfie gefunden. Mit der Spiegelreflexkamera vor einem Spiegel aufgenommen, möglichst das Gesicht nicht erkennbar.
Ich habe mich schon immer gefragt ob das eigentlich normal ist: Sich hinstellen und ein Bild von sich selber machen. Bin ich eine Narzisstin? Habe ich einen Kontrollzwang oder wirken Likes bei Facebook wie eine Droge auf mich? Wozu fotografiere ich mich selbst?

In einem Artikel, der sich mit der Selfie-Sucht aus psychologischer Sicht beschäftigte, waren verschiedenen Stufen dieser Krankheit aufgeführt:

1.     Es ist beunruhigend, wenn der Betroffene mindestens drei Selfies am Tag schiesst, diese aber noch nicht auf Social Media teilt.
2.     Alarmierend ist es, wenn der Betroffene deutlich mehr als drei Selfies am Tag schiesst und diese auch auf Social Media geteilt werden.
3.     Krankhaftes Verhalten liegt vor, wenn der Betroffene ein ständiges Bedürfnis verspürt Fotos von sich selber zu schiessen und mehr als sechs am Tag auf Social Media teilt.

Nun gut, mein letztes Selfie habe ich an Silvester aufgenommen und geteilt. Das zweitletzte datiert vom 28. Dezember und habe ich auf Facebook und Instagram geteilt. Wenn ich meine Aufnahmen und Newsfeeds durchgehe, liegen zwischen meinen Selfies immer zwischen 3 Tagen und mehreren Wochen. Und ich habe noch nie mehr als eines pro Tag gepostet. Ich scheine also immerhin noch nicht in eine der Sucht-Kategorien zu fallen.

Selfie 2015, aufgenommen mit Iphone 6

Aber wenn ich nicht süchtig bin, wozu tue ich das dann?
Als nächstes habe ich mir angesehen, wann ich Selfies aufnehme. Und ich habe fast jedes dann aufgenommen, wenn ich Lolita getragen habe oder sonst zu einem speziellen Anlass gegangen bin oder etwas getragen habe, das ich als speziell empfinde.
Dabei ging es, vor allem dann, wenn ich die Bilder auch noch auf Social Media geteilt habe, sicher um Selbstdarstellung. Ging es auch um Kontrolle? Vielleicht. Aber ich war schon immer ordentlich, organisiert und ziemlich strukturiert – dann ist wohl mein Charakter ein Kontrollzwang, fantastisch.

Da ich so viele Menschen kennen, die Selfies von sich knipsen und dann posten, müsste ich ja eigentlich davon ausgehen, dass ich von lauter Narzissten umgeben bin. Aber ich denke was den Narzissmus angeht, so geht das fast einher mit der Selfie-Sucht. Und die wenigsten Menschen, die ich kenne, würde ich als abhängig von Social Media bezeichnen. Nein, vielleicht tun wir es, ganz einfach weil es uns Spass macht und weil wir es können.

Die Ökonomisierung des Selbst  


„Aber wozu das?“, wurden wir in einer Vorlesung gefragt, „Wozu fotografieren Sie Ihr Essen und posten es auf Instagram? Wieso geben sie bei Facebook an, dass sie gerade am Flughafen sind?“
Als ich mich meldete und sagte, dass ich der Meinung sei, dass es um Kommunikation gehe, das Bedürfnis sich mitzuteilen und den Spass daran das zu tun und Reaktion darauf zu erhalten, erntete ich verständnisloses Kopfschütteln.
„Wieso sollte man über Wichtiges kommunizieren? Das macht das Wichtige vergleichbar, das tötet das Wichtige. Ausserdem – Leute, die ihr Essen fotografieren – die geben ihre Privatsphäre auf. Warum wollen Sie Ihre Privatsphäre aufgeben? Wieso lassen Sie über Likes bewerten, was Sie mögen? Sie freuen sich über ein Wertungssystem. Sie ökonomisieren, das was Ihnen wichtig ist – sie würden alles verkaufen. Einfach alles. Das ist doch bedenklich.“

Ja, das ist bedenklich. Und ich finde auch den Gedanken, dass über Wichtiges nicht kommuniziert werden muss und vielleicht nicht einmal kommuniziert werden sollte, weil es sonst abstrahiert, in Vergleiche gezogen und dadurch seiner Einmaligkeit enthoben und zerstört wird, sehr schön.
Allerdings bin ich auch der Meinung, dass die wenigsten Menschen das so sehen, ganz einfach, weil sie noch nie darüber nachgedacht haben.
Mit der Industrialisierung, eigentlich schon in der Aufklärung oder früher, hat ein Prozess in der Menschheitsgeschichte begonnen, der den Menschen weg vom Kollektiv brachte. Und der Kapitalismus konzentriert schliesslich alles auf Leistung, auf Erfolg – eine einzige, grosse Ökonomisierung findet statt.

Selfie 2014, aufgenommen mit einem HTC Mobile

Irgendwo in diesem grossen Wertesystem stehen wir und versuchen, da wir nicht genau wissen wie wir aus ihm ausbrechen könnten, unser Möglichstes zu tun, um nicht in ihm vergessen zu gehen. Denn das ist vielleicht das Schlimmste: Nicht bemerkt zu werden, verloren und vergessen zu gehen. Also machen wir mit. Also lassen wir uns bewerten und bewerten andere. Und plötzlich macht es Spass, plötzlich sind wir ein Teil der Gruppe – alle sind ja mit dabei! Und dann haben wir so viel Spass.

Vielleicht ist es aber auch ganz anders: Vielleicht habe wir ganz einfach von Anfang an Spass daran, weil wir so aufgewachsen sind, weil wir nichts anderes kennen. In der Schule werden wir mit Noten bewertet, wenn wir Kleider kaufen brauchen wir eine bestimmte Grösse, Ware gibt es natürlich nur gegen Geld, Sportwettkämpfe, Talentwettbewerbe und andere Aktivitäten, bei denen man sich messen kann, kann man als Hobby betreiben oder werden einem in der Schule aufgezwungen. Vielleicht wollen auch die Eltern, dass man Sport treibt oder ein Musikinstrument spielt. Vielleicht sind wir einfach so.

Vielleicht ist der Mensch einfach so. Schätze anhäufen, Länder erobern, andere Menschen versklaven, Tiere einsperren, Wälder abholzen. Mehr und mehr, immer weiter und weiter – bis zum Mond und zurück. War es vor dem Kapitalismus besser? War es ohne das Internet besser? Es war anders.
Aber es muss ja einen Grund dafür geben, dass es überhaupt soweit kommen konnte, dass das Internet  und digitale Fotografie erfunden wurden.

Lehrgang Selbstliebe


Sind nun also Selfies etwas Schlechtes? Sind Selfies ein Zeichen dafür, dass wir bereit sind alles, was uns lieb und teuer ist, in ein Wertesystem einzufügen und ihm damit seine Einmaligkeit zu rauben?
Das kann man durchaus so sehen und ich denke, dass es gar nicht so viele gute Argumente dagegen gibt.
Die Abstrahierung, die tagtäglich überall stattfindet ist mehr als bedenklich, sie ist erschreckend, verstörend und weist in Richtung Zerstörung.

Ich möchte aber noch eine andere Sichtweise aufzeigen. Ich persönlich hatte nämlich nie vor etwas einfach mitzumachen, weil alle es machen. Und auch wenn mir etwas Spass macht, bin ich durchaus bereit zu überdenken aus welchen Gründen es das tut.
Sind Selfies nur Ausdruck eine psychischen Erkrankung, der Tendenz unserer Gesellschaft in Narzissmus und schliesslich Zerstörung zu versinken?
Meiner Meinung nach nicht.

Selfie 2015, aufgenommen mit
Spiegelreflexkamera auf Stativ 

Was ist mit der zwanzigjährigen Frau, die ihre ganze Teenager-Zeit über gemobbt wurde, der gesagt wurde, dass sie hässlich sei, die sich dann ein Instagram-Account macht, ein Selfie postet unter das andere Leute dann kommentieren, dass sie schön sei und die plötzlich hunderte Followers hat? Was ist mit den Menschen, die ein ganz spezielles Hobby haben, die sich einen Account machen, Bilder posten und dann Gleichgesinnte kennenlernen?
Das ist mir selber passiert.

Lolita-Mode ist nicht gerade weit verbreitet in der Schweiz, aber über Facebook habe ich andere Schweizer Lolitas gefunden, konnte mit ihnen Kontakt aufnehmen und bin mittlerweile mit einigen von ihnen eng befreundet.

Mein allererstes Selfie zeigt nicht einmal mein Gesicht richtig. Einfach weil ich mein Gesicht nicht sehenswert fand. Wenn ich durch meine Fotos aus den letzten Jahren scrolle, sehe ich, dass ich mehr und mehr von mir zu zeigen bereit war.
Selfies zeigen nicht nur einen Hang zum Narzissmus und zur Zerstörung – Selfies können auch eine persönliche Entwicklung dokumentieren und vielleicht macht man ein Selfie von sich, weil man wirklich stolz auf das Outfit ist, das man gerade trägt und sich wirklich schön und wohl fühlt.

Selfie 2015, aufgenommen mit
Spiegelreflexkamera auf Stativ

Durch Selfies kann man meiner Meinung nach ausserdem sehr viel über sich selber und die eigene Wirkung nach Aussen lernen. Man kann verschiedene Posen, Gesichtsausdrücke, Outfits und Make-Ups ausprobieren und sich dann anschauen wie das wirkt.

Als ich noch auf die Kunstschule ging, hatten wir einmal den Auftrag ein Selbstportrait zu malen. Mein Selbstportrait ging so richtig in die Hose, es wurde einfach furchtbar. Das lang einerseits an der ganzen Malsituation, andererseits aber auch daran, dass ich mich einfach nicht malen wollte. Ich hielt mich nicht für wert genug mich selbst zu malen.

Heute jedoch, kann ich mich hinstellen, ich kann posieren, ich kann einen Kussmund machen oder ernst drein blicken und ein Foto davon schiessen und ich werde es gar nicht mal so schlecht finden.
Ich finde, dass ich es wert bin mich zu zeigen und fotografiert zu werden. Und ich hoffe, dass es nicht soweit kommt, dass Menschen, die sich dazu entschliessen sich selber gerne haben zu wollen, fortan als persönlichkeitsgestört gelten. 

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